König Artus war eine Seifenoper

 

Die Geschichten aus dem 13. Jahrhundert über König Artus und die Ritter der Tafelrunde waren im Mittelalter außerordentlich populär. Sie wurden an den Höfen wohlhabender Adliger vorgelesen, wo alle Anwesenden gefesselt den Heldentaten zuhörten. Der moderne Leser verliert schnell den Faden in den komplexen Erzählungen, denn manche Geschichten haben Dutzende Hauptpersonen und noch viel mehr Nebenfiguren, und manchmal teilt sich eine Geschichte auf in zwölf parallele Erzählungen. Die Geschichten ähneln in vielen Hinsichten der modernen Fernsehsoap. Auch darin kommen viele Hauptpersonen vor und werden die Abenteuer verschiedener Hauptrollspieler quer durcheinander erzählt.
Die Literaturwissenschaftlerin Bernadette Smelik untersuchte mit Unterstützung der niederländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO) die Struktur des französischen Textes "Lancelot en prose". Das ist der erste Teil einer Serie von drei Büchern über König Artus und vor allem über seine Ritter. Sie wollte wissen, weshalb das Buch derzeit so populär sein konnte. Welche Elemente machten das Werk für den mittelalterlichen Leser oder Zuhörer verständlich? Das Buch handelt vom jungen Ritter Lanzelot, der bei König Artus am Hof dient. Aber Lanzelot verliebt sich in die Königin und es entwickelt sich eine amouröse Beziehung zwischen beiden. Zugleich wächst Lanzelot zum besten Ritter des Königs aus.
Die Literaturwissenschaftlerin zeigt, dass die Nebenfiguren in den Geschichten dem Leser helfen, die Linie in allen losen Abenteuern verfolgen zu können. Jedes Abenteuer endet in einem Kampf zwischen zwei Rittern. Darin hat jede Art von Nebenfigur eine feste Funktion. Jungfrauen erteilen dem Leser Informationen über den Grund des Konflikts, Zwerge ärgern die Ritter und verführen sie zum Kampf, Eremiten kritisieren die Hauptrollspieler. So begegnet ein Ritter einer Jungfrau, die weint, weil ein Zwerg ihr Hündchen gestohlen hat. Der Leser weiß jetzt schon, dass es zu einem Kampf kommen wird. Der Ritter bittet den Zwerg, das Hündchen zurückzugeben, aber dieser weigert sich. Der Herr des Zwergs, auch ein Ritter, unterstützt den Zwerg und geht die Konfrontation an. Der Gute gewinnt, der Schlechte verliert. Lanzelot selbst verliert im ganzen Werk keinen einzigen Kampf.

 

03. Dezember 2002 - Reaktion Archäologie Online