Kimbern und Teutonen

 

Über ihre Könige und Kriege wissen wir einiges, nichts aber über das Leben der Kimbern, ihr Leid, ihre Hoffnung, ihr Schicksal - wenig über ihre zwanzigjährige Wanderschaft durch ganz Europa.

Hunger und Not

Am Rande der bewohnten Welt": Jütland, die Heimat der Kimbern

Nackt, wild, ohne Behausung
Hoch im kalten Norden war die Heimat der Kimbern. Man schreibt das Jahr 121 vor Christus. Für die Römer sind die Kimbern "zweibeinige Tiere, die außer der Stimme und den Gliedern nichts Menschliches an sich haben". Sie seien ohne jede Kultur und Zivilisation: nackt, wild, ohne Behausung. Der römische Historiker Tacitus schrieb: "Wer wollte schon Italien verlassen und Germanien aufsuchen? Das Land ist ohne Reiz und rau im Klima, trostlos für den Bebauer wie für den Beschauer". Aus der Sicht der Römer, lebte der Stamm der Cimbri, der Kimbern "am Rande der bewohnten Welt" in Jütland. Man schätzt, dass 60 bis 80.000 Germanen - Kimbern, Teutonen und Ambronen - in ganz Dänemark siedelten, in hunderten zerstreuter Dörfer.

Computerrekonstruktion der Borremosesiedlung, kalte Winter in Jütland

Hartes Leben
Anhand von Aussgrabungen konnte eine Computerrekonstruktion der Kimbernsiedlung Borremose erstellt werden: Die Gehöfte waren mit einem Graben, Wall und Palisaden befestigt. Archäologen vermuten, es war ein Königssitz. In den über 20 Häusern lebten an die 180 Kimbern. Die germanischen Langhäuser konnten die Archäologen zuverlässig nach den Strukturen im Boden rekonstruieren. Über 7.000 km werden die Kimbern von Borremose aus in Richtung Süden ziehen. Aber warum sind sie ausgewandert?
Wegen einer Flutkatastrophe, wie in Geschichtsbüchern zu lesen ist? Oder waren es vielmehr Kälte und Hunger, die sie aus ihrer Heimat vertrieben? "Dauernder Winter, trübes Wetter lastet auf ihnen, kärglich ernährt sie der Boden," berichtete schon Seneca der Ältere. Das Leben der Kimbern war hart, die Böden karg. Vorratswirtschaft war ihnen unbekannt. Sie lebten von der Hand in den Mund. Selbst in guten Jahren kamen sie kaum über den Winter. Was wir von den Kimbern wissen, wissen wir aus den Mooren, den Friedhöfen der Vorzeit. Sie konservierten die Toten, bis man sie beim Torfstechen fand. Eine der Moorleichen ist weltberühmt: das Mädchen von Windeby.

Das Mädchen von Windeby

Gerade einmal 14 Jahre wurde sie. In der Hand hält sie einen Birkenzweig. Stöcke fixierten ihren Körper im Moor. Fürchtete man, sie sei eine Untote, eine Widergängerin? Kann sie uns vielleicht etwas über das Schicksal der Kimbern sagen - und warum es zum großen Exodus aus Dänemark kam? Weshalb wurde sie nur 14 Jahre alt, wenn sie eines natürlichen Todes starb, wie Wissenschaftler vermuten? Unter ihrer ledrigen Körperhülle hat man Teile des Skeletts geborgen. Wie sie aussah, weiß man heute genau: Ein Gerichtsmediziner hat ihr Gesicht rekonstruiert. Aber können auch ihre Knochen nach 2.000 Jahren etwas über ihr Leben und ihren Tod verraten? Mit einem speziellen Röntgengerät durchleuchtet der Physiker Roland Aniol ein Schienbein. Er sucht in den Knochen nach so genannten Harrislinien: Zeichen für gestörtes Wachstum, Mangelernährung und Hunger. Sein Befund: Das Wachstum ist verzögert gewesen oder ganz zum Stillstand gekommen. Bei dem Mädchen von Windeby sind zwölf solcher Wachstumsverzögerungszonen zu sehen. Zwölf Hungerwinter durchlitt sie in nur 14 Lebensjahren.

Skelett unter ledrigem Körper, Rekonstruktion des Gesichts

Der Tollundmann
Wie dem Mädchen von Windeby wird es damals allen im Norden ergangen sein: Winter für Winter Hunger und Not. Wie haben sie überhaupt überlebt? Biologen fanden im Magen einer Moorleiche außer etwas Hafer und Haselnüssen vor allem Unkrautsamen. Mit Vogelfutter wie Knöterich wurde der leere Magen gefüllt. Selbst englische Forscher, die das Kimbernmüsli nachkochten, fanden es ungenießbar. Es war die letzte Mahlzeit des geheimnisvollen Mannes von Tollund. Der geflochtene Lederstrick ist 1,25 Meter lang. Er endet in einer Schlinge um den Hals des Tollundmannes. 1950 wurde der Tollundmann im Moor gefunden. Dutzende Wissenschaftler untersuchten seither die eindrucksvollste Moorleiche der Welt. Wurde er hingerichtet? Setzte er selbst seinem Leben ein Ende? Oder ist er gar ein Menschenopfer? Gerichtsmediziner stellten fest, dass ihm die Augen und der Mund liebevoll für den "ewigen Schlaf" im Moor geschlossen wurden. Der Tollundmann war ein Menschenopfer. Wohl für die Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus, die man um gute Ernten bat. Aus den Moorleichen kann die Wissenschaft heute schließen: Nicht eine Flutkatastrophe, sondern Hunger vertrieb die Kimbern aus Dänemark.

Hauptnahrungsquellen der Kimbern, Tollundmann

Der große Treck

Von römischen Händlern, die in den Norden kamen, um Bernstein und Felle zu kaufen, hatten Kimbern und Teutonen von den Verheißungen des Südens gehört. Aber auch ihre eigenen Kundschafter waren weit herumgekommen, bis an die Donau.

Beratungen im Heimatland

Äcker unter "ewiger Sonne"
Sie werden ihren Leuten von Ländern erzählt haben, wo man im Winter keine Felle braucht, von fetten Weiden und fruchtbaren Äckern unter "ewiger Sonne", von süßen Früchten und berauschenden Getränken aus sonderbaren Beeren, von unvorstellbarem Reichtum und Luxus. Im Norden aber gab es nur wenig Hoffnung. Es lebten zu viele in dem kargen Land. Würde man auswandern, hätte das ewige Hungerleiden ein Ende.

Der große Marsch beginnt

Aufbruch ins Ungewisse
"Niemand kennt das genaue Datum, niemand die genauen Umstände." Und doch, es ist eine historische Tatsache: Um das Jahr 120 vor Christus beginnt die Völkerwanderung der Kimbern. Sie verlassen ihre Heimat für immer und machen in der Weltgeschichte von sich reden. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, ein großes Abenteuer voller Gefahren. Aber mehr als den Tod - werden sie sich gesagt haben - werden wir überall finden. Den Mutigen und Tapferen würde die Zukunft gehören. Sie müssen den Auszug geplant, mit anderen Stämmen abgesprochen und sich verabredet haben.

Immer Richtung Süden
Der römische Historiker Diodor berichtete: "Es wälzte sich eine ungeheure Masse heran. Hunderttausende Kimbern und Teutonen mit Waffen waren auf dem Marsch; Scharen von Kindern und Weibern schleppten sie mit sich. Sie waren auf der Suche nach Land, das eine solche Masse ernähren könnte." Historiker gehen heute davon aus, dass etwa hunderttausend Menschen sich dem großen Treck anschlossen. Die Nachricht von den sich nähernden Barbaren verbreitete Angst und Schrecken in Rom. Aus Jütland zogen Kimbern, Teutonen und Ambronen durch die Gebiete anderer germanischer Stämme: Die der Angeln, der Sachsen und Sueben. Entlang der Elbe führte sie ihr Weg weiter durch Böhmen. Immer Richtung Süden.

Hinderliche Flussdurchquerungen

Gefahrenvolle Durchquerungen
Völkerwanderung, das hieß mühsam zu Fuß seinen Weg suchen. Tag für Tag, Monat für Monat, bei Wind und Wetter. Wo sie konnten, folgten die Wandernden den Flüssen, den alten Handelswegen. Sie gaben ihnen Richtung und Ziel. Die Flüsse konnten zugleich aber auch unüberwindbare Hindernisse sein, es sei denn, man fand eine Furt für die gefahrenvolle Durchquerung. Es konnte viele Tage dauern, bis der Treck solch einen Fluss passiert hatte. Pferde besaßen nur die Anführer. Zugtiere für die wenigen Karren mit all den Habseligkeiten der Auswanderer waren urtümliche Ochsen, langsam aber kräftig. Unübersehbar, 20 bis 30 Kilometer, zogen sich die Kolonnen der Kimbern und Teutonen dahin. Sie waren geflohen vor Hunger, Not und Elend. Aber wie ernährten sie sich unterwegs? Denn eigentlich waren sie ja Bauern und Hirten, keine Nomaden. Um zu überleben wurde der Treck der Wirtschaftsflüchtlinge nicht selten zum Beutezug. Besonders wenn man auf schwächere Gegner stieß.

Dichtung und Wahrheit

Wegen ihrer ungezähmten Wildheit wurden sie von allen gefürchtet, denn sie kannten nur ein Recht, das des Stärkeren. Was man ihnen nicht freiwillig gab, nahmen sie sich gewaltsam. Die Kimbern kamen in den Ruf eines räuberischen Wandervolkes. Bald bedeutete der Name Kimber schlicht Räuber.

Freund und Feind
Germanen waren Feinde der Germanen. Sie schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein und nahmen, was zu nehmen war. Herkunft und Abstammung, Blut und Rasse sagten ihnen nichts. Schnell wurden aus Gegnern Verbündete, aus Freunden Feinde. Wenn der Hunger übermächtig wurde, musste Beute gemacht werden. Ein Bewusstsein für Kriegsverbrechen gab es in der Antike nicht. Plünderung, Raub, Versklavung und Brandschatzung waren nicht geächtet. Alle taten das. Und wie die Römer, machten auch die Kimbern vor nichts und niemandem Halt. Der römische Historiker Tacitus schrieb: "Es gilt unter ihnen als träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann."

"Unzivilisiert, stinkend und schmutzig"?
In den Wintermonaten ruhte der Treck. Es war schwierig Unterkunft zu finden. Da wurden selbst Höhlen zum Palast. Mit der Überheblichkeit der Hochkultur, sahen die Römer in ihnen nur rauf- und sauflustige, zottelfellige Wilde. Und da sie die germanischen Sprachen nicht verstanden, nannten sie sie "Barbaren", was soviel bedeutete wie Stotterer, Stammler. Sie seien gänzlich unzivilisiert, stinkend und schmutzig. Eine Geringschätzung, die sich rächen sollte. Sicher, was die Körperpflege betraf, forderte das Wanderleben seinen Tribut. Aber, das Klischee stimmt so nicht, denn Funde aus dem Moor beweisen heute: Jeder Kimber führte eine Art Reisenecessaire mit sich. Ein Kulturbeutel, wie ihn jeder Mann am Gürtel trug: Mit Hölzern für die Zahnpflege, mit einer Schere, um die Haare zu schneiden, mit einem Messer für die glatte Rasur. Am Ring eine Pinzette für die Nasenhaare. Und sogar eine Art Q-Tipp, um die Gehörgänge zu reinigen. Ebenfalls dabei, der obligate Kamm für kunstvolle Frisuren, wie zum Beispiel der Suebenknoten des Osterby-Mannes.

 

Einblicke in den Kulturbeutel: Zahnstocher und Kamm

Auferstehung nach 1.500 Jahren
Für die Römer waren die Germanen ungeschlacht und furchterregend. Aber wie sahen sie wirklich aus? Wie Helden aus Wagneropern? Wie Typen aus dem arischen Rassekundebuch? Die ungarische Anthropologin Kustár rekonstruiert das Gesicht eines Schädels, der in Sachsen gefunden wurde. Zum ersten Mal wird zu sehen sein, wie ein Germane - 1.500 Jahre nach seinem Tod - sein Antlitz wiederbekommt. Das biometrische Verfahren haben Gerichtsmediziner entwickelt, um unbekannte Tote zu identifizieren. Kenntnisse aus der Anatomie überträgt Agnès Kustár auf den Schädel: Danach modelliert sie die Muskeln, und folgert, wie die Nase und wie die Ohren gebaut waren.

Von Angesicht zu Angesicht: das Germanenantlitz  gewinnt an Kontur

Aristokratische Züge
Wie stark mögen die Muskeln sein, wo sitzen die Augen im Schädel, wie dick sind die Weichteile? Bei tausenden Leichensektionen wurden Durchschnittsmaße ermittelt. Ágnes Kustár überträgt sie gewissenhaft auf den Abguss des Germanenschädels. In wochenlanger Arbeit entsteht unter ihren Händen das Antlitz: So sah dieser Germane zu Lebzeiten aus. "Der Germane" hätte man ihn genannt, als man Menschen in verbrecherischer Absicht nach Rassen unterschied. Aber es ist immer nur ein individuelles Gesicht unter vielen verschiedenen. Dieses hatte feine, aristokratische Züge, wie man sie auch von Senatoren kennt. Und eines fernen Tages werden selbst Germanen zum Establishment Roms gehören. Aber soweit waren die Kimbern noch nicht.

Vom Schädel zum fertigen Kopf: Moderne Technik macht es möglich

(Ausschnitt aus der ZDF Serie "Sturm über Europa")

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