Die Protokelten

Als Vorgänger der Kelten gelten die so genannten "Protokelten". Die Archäologie legt die Vorfahren der Kelten in die Urnenfelderkultur. Doch so einfach ist es sicher nicht. Diese Zeitrechnungen und Periodisierungen sind natürlich nur konventionelle Schubfächer für die archäologischen und historischen Befunde. Der vorkeltischen und keltischen Bevölkerung Europas waren diese zeitlichen Grenzen jedenfalls nicht bewusst. Also man kann ruhig weiter zurück gehen. Die Wurzeln gehen bis in die frühe Bronzezeit und das Neolithikum (Jungsteinzeit) zurück. Bestes Beispiel, das sich Kulturen nicht in Zeitabschnitte kategorisieren lassen, ist der Steinkreis Stonehenge. In drei Bauphasen von etwa 3000 bis 1500 v. Chr. ist er entstanden und noch mindestens ein Jahrtausend für kultische Zwecke verwendet worden. Also hier überspringen wir gleich die Jungsteinzeit, die Bronzezeit, sowie die Hallstatt - und Latenekultur. Natürlich hat sich in dieser Zeitspanne die Kultur verändert, doch die Völker der Hallstatt - und Latenekultur haben sehr viel von ihren Ahnen übernommen, speziell in Glaube und Religion. Aber auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen der Bronze - und Eisenzeit waren ziemlich ähnlich.

In Mitteleuropa entsprechen der Bronzezeit drei aufeinander folgende Kulturen. Die erste war die Aunjetitzer Kultur, die um 1.500 v. Chr. entstand. Ihr Mittelpunkt lag in den metallreichen Gebieten von Mähren, einem Zentrum des Handels sowie der Herstellung von Bronzeobjekten. Die Hügelgräberkultur wurde um 1.200 v. Chr. zur bestimmenden Gesellschaft in Mitteleuropa. Sie war durch eine zunehmende soziale Schichtung zwischen den Häuptlingen und dem gemeinen Volk gekennzeichnet und unterhielt politische und wirtschaftliche Beziehungen mit Teilen Europas bis zum Mittelmeer. Sie war im gleichen Landstrich wie die Aunjetitzer Kultur beheimatet und löste sie ab, war aber kriegerischer als diese. Die Hügelgräberkultur musste jedoch ebenso einer neuen Entstehung weichen, der Urnenfelderkultur, die als direkter Vorläufer der keltische Kultur gilt und als protokeltisch bezeichnet wird. Sie entstand am Anfang des ersten Jahrtausends v. Chr. Das einzige was ihr fehlte, war die Fähigkeit der Eisenbearbeitung - das erstmalige Erkennungsmerkmal der Kelten. Ihre Ähnlichkeit zur keltischen Kultur, die zwei Jahrhunderte später entstand, sind deutlich. Die Ortsnamen legen eine linguistische Verwandtschaft der beiden Kulturen nahe und anscheinend wiesen sie dieselben sozialen, militärischen und politischen Strukturen auf. Von ihren Vorgängern, der Hügelgräberkultur unterschied sich die Urnenfelderkultur durch ihre Bestattungssitten. Ihre Toten wurden verbrannt und in Urnen in einem abgegrenzten Bereich bestattet. Es fehlte der charakteristische Hügel der Hügelgräberkultur. Obwohl regional bedingt sehr wohl noch die Hügelgräber bis in die Hallstattzeit nachweisbar sind, z. B. im Osten Österreichs. Das zeigt wiederum, das man nicht alles periodisch kategorisieren kann. Die Kulturen überschnitten sich oft ein - oder zweihundert Jahre; ebenso gab es viele regionale Unterschiede. Dies lehrt uns ja auch die jüngere Vergangenheit. Der Wechsel der Bestattungssitten ist wahrscheinlich auf einen Wandel der religiösen Vorstellung zurückzuführen. Die Haupteigenschaften dieser Gesellschaft waren allerdings nicht ihre Bestattungssitten, sondern ihre Expansion durch militärische Eroberung. Die Urnenfelderkultur brachte nämlich eine Schlachten entscheidende Waffe hervor, das lange, schwere, gerade Schwert, das für Hieb und Stich gleichermaßen taugte. Zusammen mit Rüstung, Helm und weiteren Teilen der Kriegsausrüstung weist es auf die wachsende Bedeutung des Krieges hin. Die Siedlungen wurden stärker befestigt und die ersten Spuren von Höhenfestungen mit Gräben, Palisaden und Holz - Steinmauerwerk stammen aus dieser Zeit. Die Bearbeitung von Eisen wurde in etwa 750 - 700 v. Chr. eingeführt und fällt mit dem Übergang von der Urnenfelder- zur Hallstattkultur zusammen. Während die erste noch als protokeltisch bezeichnet wurde, war die letztere rein keltisch. Zusammen mit ihrer Nachfolgerin, der Latene Kultur, bezeichnen sie die gesamte Spanne des keltischen Zeitalters, das sich exakt mit der Eisenzeit deckt. Es besteht jedoch die Gefahr, einen zu großen Unterschied zwischen den einzelnen Völkerschaften der Bronze- und Eisenzeit anzunehmen. Beide Kulturen waren in demselben geografischen Bereich beheimatet und zeigen dieselben Strukturen von Gesellschaft, Kultur und politischen Aufbau. Der einzige Unterschied ist die Benutzung von Eisen für Waffen, Werkzeuge, Hausrat und Ausrüstung. In der Vergangenheit neigten die Historiker dazu, den offensichtlichen Übergang von der einen zur anderen Kultur überzubewerten. Sicher war die Einführung des Eisens ein wichtiger technologischer Meilenstein, ähnlich wie heute die Einführung des Computers. Trotzdem haben sich unsere sozialen Strukturen dadurch nicht verändert. Eisen ermöglichte die Herstellung von zuverlässigen Werkzeugen und Waffen, die weit verbreitet werden konnten, leichter und billiger zu erwerben waren, und es revolutionierte die Kriegsführung und die Landwirtschaft. Da Eisen sehr viel härter als Bronze war, wurden sowohl Schwerter als auch Pflugscharen, wesentlich effizienter. Dies verschaffte denjenigen, die die Eisenverarbeitung kontrollierten oder das beste Eisen produzierten, einen bedeutenden militärischen und technologischen Vorsprung über ihre Rivalen. ( Quelle: "Atlas der Kelten" - Angus Konstam )