Die Latènekultur - Teil II

Die größte Ausbreitung der Kelten fällt mitten in die Latèneperiode. Im 3 Jhr. v. Chr. erreichte die keltische Welt ihre größte räumliche Ausdehnung und stand auf der Spitze ihrer Macht. Sie erstreckte sich von Spanien und Irland im Westen bis ins Donaubecken und nach Mittelanatolien im Osten. In der großen Zeit der Expansion nach Süden und Osten gelangten die Kelten an die Tore der antiken Welt und diese entdeckte allmählich die keltischen Lande nördlich der Alpen und in Iberien. So stammen aus der Latènezeit die meisten schriftlichen Überlieferungen antiker Autoren. Nur müssen wir diese mit Vorsicht genießen. Sie wurden zumeist aus propagandistischen Gründen verfasst. Das beste Beispiel sei mit Cäsars Werk "Der Gallische Krieg" genannt. Leider deuten Autoren unserer Zeit diese Schriften eins zu eins, so das die Kelten als barbarische, unzivilisierte und menschenopfernde Bestien dargestellt werden (siehe auch in einigen Abschnitten von Alexander Demandts Werk "Die Kelten"). Wir kennen aus unserer Epoche genug Beispiele von Kriegspropaganda und falschen Wahrheiten. Die der Antike sind noch differenzierter zu betrachten, das sie ganz anderen philosophischen Denkensweisen entstanden sind. Kontakte pflegten die keltischen Völker nachweislich schon wesentlich früher zum mediterranen Raum - also in der Hallstattzeit. Zu dieser Zeit gab es keine Konfrontation mit den "zivilisierten" Griechen, wohl hat es Auseinandersetzungen mit den Etruskern gegeben, die schon bald von den Römern ausgelöscht wurden, aber in erster Linie fand ein reger Kulturaustauch im oberitalienischen - und südlich französischen Gebiet statt (davon haben wir ja bereits in Latènekultur I berichtet). Also gibt es aus dieser Zeit auch keine Gräuelpropaganda. Warum sollte gerade ein paar hundert Jahre später, wo gerade die keltische Kultur nachweislich ihren Höhepunkt erreicht hatte, diese in barbarische Verhältnisse zurückfallen? War es nicht eher die Ausdehnung der keltischen Völker und eine damit mögliche Bedrohung für das aufstrebenden Rom und die gesamte antike Welt, die die Autoren von damals veranlasste die Kelten als wilde Barbaren darzustellen? Vieles hängt wohl mit der ersten Plünderung Roms zusammen. Gegen die vordringenden Kelten riefen die etruskischen Stadtstaaten ihre Nachbarn zu Hilfe. Die junge, allzu selbstbewusste Republik Rom intervenierte um das Jahr 387 v. Chr., als die keltischen Senonen zu Tausenden die Etruskerstadt Clusium angriffen. Indem seine Abgesandten gegen die Neuankömmlinge zu den Waffen griffen, brach Rom die internationale Konvention und beschleunigte den Marsch der Kelten auf Rom. In der Schlacht am Allia wurde das römische Heer aufgerieben; dem folgte eines der schmachvollsten Ereignisse der römischen Geschichte: die Plünderung Roms durch die Kelten. Nach der Legende soll der Kapitolinische Hügel ausgehalten haben, aber das dürfte eher römisch patriotische Fiktion sein. Die Kelten mussten zum Abzug bestochen werden, verwüsteten jedoch vorher die gesamte Stadt. Als sich die Römer über die Art der Abwiegung des Lösegeldes beschwerten, soll der Senonenführer Brennus sein Schwert in die Wagschale geworfen und ausgerufen haben: "Vae victis" (Wehe den Besiegten). Rom erholte sich zwar schnell von der Demütigung, aber die Folgen des Ereignisses hielten jahrhundertelang an. Von nun an begegnete man den Kelten mit Furcht und Misstrauen als einer gefährlichen barbarischen Supermacht im Norden, die für die Sicherheit Roms eine ständige Bedrohung darstellte. Dafür sollten noch viele unschuldige mit ihren Leben bezahlen. Diese Bedrohung nahm Cäsar als Vorwand für seine Gallienfeldzüge (58 - 51 v. Chr.) und den damit verbundenen Völkermord an den Galliern. Dieser "Terror Gallicus" beeinflusste die Haltung der Römer gegenüber

© Angus Konstam aus "Atlas der Kelten"

den Galliern sogar noch, als schon fast die gesamte keltische Welt erobert war. Solche Vorwände für Völkermord kennen wir nur zu gut aus allen Epochen.

Die Expansion diesseits der Alpen brachte eine keltische Besiedlung der Slowakei, Südpolens und vielen Teilen des Karpatenbeckens binnen einiger Jahrzehnte auf Basis der materiellen Latènekultur mit sich (ca. 400 - 300 v. Chr.). Was genau die Südwanderung in Richtung Makedonien und Griechenland Anfang des 3 Jahrhunderts v. Chr. auslöste, wissen wir nicht - vielleicht war es die Faszination der fabelhaften Reichtümer der klassischen Welt, mit welchen die Kelten der Hallstattkultur bereits in Berührung kamen. Nach dem Tod von Alexander des Großen im Jahre 323 v. Chr. brach das Alexanderreich zusammen - das einst von der Adria bis Afghanistan reichte. Die Griechen und Makedonier waren sich der Bedrohung der Galatae deutlich bewusst. Die Keltenangriffe auf Makedonien konnten in Schach gehalten werden, bis dann die Galater 281 v. Chr. unter ihrem Anführer Bolgios König Ptolomeäus Ceraunus besiegten und enthaupteten. Damit stand ihnen der Weg nach Süden offen. 279 v. Chr. fielen keltische Heere in Makedonien ein. Im weiteren Verlauf führte innerer Zwist zu einer Spaltung des Invasionsheeres, wobei 20.000 Mann unter der Führung von Leotarius und Leonnorios auf eigene Faust den Weg fortsetzten, sich schließlich in der Türkei niederließen und einen Galaterstaat gründeten. Ein anderer Teil des Galaterheeres - unter den Anführern Acichorios und Brennus (dieser Name oder Königstitel ist auch ein Jahrhundert früher belegt) - zog südwärts nach Griechenland. Der Angriff und die angebliche Plünderung Delphis (hier scheiden sich die antiken Berichte) sowie die Zerstreuung vieler Galater stellten den Höhepunkt der keltischen Expansion in Europa dar. 278/277 v. Chr. besiegte König Antigonos Gonatas von Makedonien ein Keltenheer bei Lysimachiaund beendete damit die Bedrohung Griechenlands. Danach ging es mit der keltischen Präsenz im östlichen Donauraum allmählich abwärts, da Enklaven politischer Macht wie das kleine Königreich Tylis in Thrakien ausgelöscht wurden, während sich andere mit der einheimischen Bevölkerung vermischten und damit ihre Identität verloren. Von der Präsenz der Galatae (Galater) in Kleinasien zeugen nicht nur antike Überlieferungen und archäologische Funde, sondern auch Bezeichnungen in der Neuzeit. Ein Stadtteil Istanbuls nennt sich heute noch Galatasaray - nachdem ebenfalls der lokale und über die Grenzen bekannte Fußballverein benannt ist. Die Galater unterteilten sich in die großen Stammesgruppen der "Tectosagen", "Trokmer" und der "Tolistoboger". Als Zentralheiligtum der Galater ist "Drunemeton" (Eichenheiligtum) bekannt. Trotz des Hinweises auf die Eichenverehrung gibt es keinen weiteren Anhaltspunkt dafür, dass es unter den Galatern Druiden gegeben hätte.

© Angus Konstam aus "Atlas der Kelten"

Auch die iberische Halbinsel trägt ihren Part in Sachen keltischer Kultur. Man nimmt an, dass in der frühen Eisenzeit die Nachkommen der Glockenbecherkultur (ein Vorläufer der protokeltischen Urnenfelderkultur in Westeuropa) auf die iberische Halbinsel zurückkehrte, obwohl der Widerstand der Iberer im Osten sie von der Mittelmeerküste vorerst verdrängte. Um 550 v. Chr. besetzten die Iberer die Hälfte der Halbinsel und einen Großteil der Pyrenäen, so dass die Kelten in Iberien von ihren Verwandten in Gallien abgeschnitten waren. Die Reste von befestigten Siedlungen und Artefakten, datiert vom 5. Jahrhundert v. Chr. an und wurden in ganz Spanien verteilt gefunden. Sie weisen eine verblüffende Ähnlichkeit zu den Latènefundstellen in Gallien auf und belegten eine kulturelle Verbindung zu den Kelten in Südgallien. Im 3. Jhr. v. Chr. hatten die Karthager Kolonien an der Mittelmeerküste von Spanien gegründet und währen der Punischen Kriege (264 - 218 v.Chr.) warben sie keltiberische Söldner zum Kampf gegen Rom. In der ersten Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts v. Chr. vertrieben die Karthager in einer Reihe von Feldzügen die Keltiberer von der Küste ins Landesinnere. Hannibal änderte diese Politik und hofierte die Keltiberer, schickte Gesandte in ihre Siedlungen und bot finanzielle Gegenleistungen für eine Allianz. Er betonte, dass eher Rom als Karthago der traditionelle Feind war und rekrutierte keltische Krieger in großer Anzahl für seine multinationale Gruppe. Als er 218 v. Chr. die Alpen Richtung Norditalien überquerte, bestand die Hälfte seiner Armee aus Kelten. Die Keltiberer und die südlichen Gallier spielten weiterhin eine bedeutende Rolle in den punischen Feldzügen bis zum Ende des Zweiten Punischen Krieges. Während Hannibal in Italien war, vertrieben römische Heere die Karthager aus Spanien. Nach der karthagischen Niederlage von Zama (203 v. Chr.) hatte Rom die Hand frei, sich mit den Keltiberern zu befassen. Doch die schwere militärische Lage zwang die Römer, statt auf offene Konfrontation auf einen versöhnlichen Kurs zu setzen. 179 v. Chr. boten die Römer Friedensverträge und Vorteile an, wenn die Kelten einer römischen Kontrolle zustimmen würden. Viele Stämme weigerten sich, was einen langen Unterwerfungsfeldzug nach sich zog. Der keltische Widerstand hatte sein Zentrum in der befestigten Stadt Numantia unter der Führung der "Arevaker". Eine Serie von Kriegszügen endete entweder mit einem Patt oder einer römischen Niederlage. 134 v. Chr. sandte der römische Senat Publius Cornelius Scipio  eine frischen Armee aus, um die Festung endlich zu erobern und Numantia fiel 133 v. Chr. nach einer blutigen Belagerung. In den nächsten 60 Jahren drückten die Römer der keltiberischen Gesellschaft ihren Stempel auf und zerstörten alle Spuren eines freien keltiberischen Staates. Zur Zeit Julius Cäsars waren die Kelten Iberiens nicht mehr länger eine politische oder soziale Kraft, sondern in der römischen Provinz Hispania assimiliert. Dennoch blieben einige Aspekte der keltischen Gesellschaft und Kultur erhalten. Nach der Eroberung Galliens erreichte eine Welle von aquitanischen Flüchtlingen das ehemalige keltiberische Gebiet von Galizien in Nordwestspanien. Heute ist dieses keltische Erbe noch in den galizischen und baskischen Bezirken Spaniens festzustellen, deren Bewohner sich als direkte Nachfahren der Keltiberer betrachten. Iberien war kein Teil der Latènewelt, es gab aber enge Kontakte mit der gallischen Welt und stilistische Einflüsse der Latènekunst. Zu den Keltiberern muss man noch Diodorus Siculus 5,33 zitieren: "Dieses Volk hat seinen Namen daher, dass es aus einer Vermischung der Iberer und Celten entstanden ist, welche sich früher um den Besitz des Landes stritten., nachher aber sich aussöhnten, beisammen in demselben Lande wohnten und durch gegenseitige Heirathen sich verbanden. Als Abkömmlinge von zwei kräftigen Völkerstämmen, die überdies ein fruchtbares Land inne hatten, gelangen die Celtiberer zu großem Ansehen."

Gallien war während der Latèneperiode in sechzehn Stammesgebiete geteilt. Als die Römer Ende des 2. Jhr. v. Chr. im Rhonetal anlangten wurde ihnen klar, dass alles, was wir heute Frankreich, Rheinland und Alpenregion nennen, von gleichartigen, weitgehend keltisch sprechenden Völkern bewohnt war. Zu den wichtigsten Merkmalen dieser Zeit gehört - im Gegensatz zu dem was vorher geschah und nachher wieder geschehen sollte - dass es ca. ab 400 v. Chr. praktisch keinen Hinweis auf  Handel mit der mittelmeerischen Welt gibt. Abgesehen von einem italienischen Eimer im Grab von Waldalgesheim findet sich in Zentral - und Ostgallien bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. fast nichts aus diesem Raum. Der Handel mit Italien über die Alpenroute und sogar mit Massalia (Marseille) brach wahrscheinlich ab, weil die Kelteneinfälle im Po - Tal um 400 v. Chr. die nordetruskischen Handelszentren zerstörten. Trotzdem gelangte die keltische Münzprägung  um diese Zeit nach Gallien, so wie in der gesamten keltischen Welt. Die Kelten prägten ihre Münzen nach griechischen Vorbild. Möglicherweise blieb der Kontakt zur klassischen Welt über die Route Norditalien und Balkan, wenn auch eingeschränkt, bestehen. Rom wurde im 2. Jhr. v. Chr. durch zwei Faktoren nach Gallien hineingezogen. Einmal durch die Notwendigkeit sicherer Landverbindungen mit den neuen spanischen Provinzen und weiters durch die Hilferufe eines alten Verbündeten: Massalia. Dieser wurde von einem mächtigen Stamm, den "Salluvier" mit Hauptort in Entremont (über dem heutigen Aix-en-Provence gelegen) bedrängt. Das römische Eingreifen in diesen Konflikt setzte eine Kettenreaktion mit ungeheuren Folgen in Gang. Der Belagerung und Zerstörung von Entremont in den Jahren 124 und 123 v. Chr. folgte die Errichtung einer römischen Militärfestung in Aquae Sextiae (Aix). Eine unmittelbare Folge der römischen Forderung nach Auslieferung des flüchtigen Salluvieranführers war 122 v. Chr. der Krieg mit den gallischen "Allobroger". Dadurch wiederum wurden die "Averner" westlich der Rhone hineingezogen - die schon eine große Galliermacht darstellten und wahrscheinlich nominell die Kriegsherren der "Allobroger" und anderer Stämme waren. 121 v. Chr. wurde allerdings der Arvernerkönig Bituitus von den Römern besiegt. Damit und mit dem Bau einer strategisch wichtigen Siedlung in Narbo (Narbone) im Jahre 118 v. Chr. sowie dem Bau einer Strasse von Italien nach Spanien war der Grundstein zur Provinz "Gallia Transalpina" gelegt, die später einfach als "Provinz" bezeichnet wurde (daher der heutige Name Provence). Das unbesetzte Gallien nannte man "Gallia comata" - das haarige Gallien. Die "Äduer" beschlossen mit Rom gegen die Macht der "Arverner" gemeinsame Sachen zu machen und wurde ab 122 v. Chr zu Brüdern und Freunden des römischen Volkes. Das zeigt schon 70 Jahre vor dem Einmarsch Cäsars die Uneinigkeit und Zerstrittenheit der gallischen Stämme. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Dieser Ausspruch war für Cäsars Eroberung Galliens von großer Bedeutung. Ohne die Uneinigkeit der gallischen Stämme wäre ein Cäsarischer Sieg wohl unmöglich gewesen. Das 2. Jhr. v. Chr. war eine Zeit tief greifenden Wandels. Langsam erwachte wieder ein intensiver Handel mit dem Mittelmeerraum sowohl über die Rhone als auch über Toulouse und die

© Simon James aus "Das Zeitalter der Kelten"

Westküste. Diese Kontakte weiteten sich mit der Errichtung der römischen Provinz Gallien schnell aus. Parallel dazu und mit ihnen unentwirrbar verzahnt gab es andere grundlegende Veränderungen, die zumindest Teile Galliens der Städtekultur zuführten. Das 2. Jhr. v. Chr. endete mit einem verhängnisvollen Omen: Die Kimbern und Teutonen fielen in Gallien ein. Es war der erste bekannte Einbruch einer entstehenden Macht im Norden, an der sich Rom letztendlich die Zähne ausbeißen sollte - der Germanen. 58 - 51 v. Chr. gelang es Cäsar Gallien zu unterwerfen. Sein größter politischer Cop, der ihm auch die Macht in Rom sicherte. Sein ebenbürtiger Widersacher war "Vercingetorix", der noch Heute als Held und Freiheitskämpfer gefeiert wird. Sein Handicap war die Uneinigkeit der Stämme. Zwar konnte "Vercingetorix" eine riesige Streitmacht ausmachen und viele Stämme einigen, doch musste er mit ansehen wie Kelten gegen Kelten zur Entscheidungsschlacht bei Alesia antraten. In den vordersten Reihen römischer Eliteeinheiten standen viele gallische Kämpfer an Cäsars Seite. Entscheidungsschlacht  mag wohl das falsche Wort sein, denn entscheidend war der Belagerungsring der Römer um Alesia. "Vecingetorix" und sein Heer wurden ausgehungert. Die gallische Verstärkung für "Vercingetorix" konnte den strategisch geschickten Belagerungsring mit seinen unüberwindbaren Wällen nicht brechen und so ergab sich Vercingetorix Cäsar und bat um Gnade für sein Volk. Eine Szene die in vielen Büchern und Filmszenen romantisch und heroisch dargestellt wird. Ob es sich wirklich so heroisch abgespielt hat sei dahingestellt. "Vercingetorix" wurde 46 v. Chr. im Triumph in Rom hingerichtet. Sein Gegenpart Cäsar wurde nur 2 Jahre später im Jahre 44 v. Chr. ermordet. Latène endete schließlich mit der gesamten Eroberung Galliens durch die Römer Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts in Mitteleuropa, ca. 150 Jahre später in Südbritannien. Schottland und Irland wurde nie von den Römern erobert  und Latène III dauerte dort bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. (Quellen: "Atlas der Kelten" - Angus Konstam; "Das Zeitalter der Kelten" - Simon James).