Die Latènekultur - Teil I.

Das kleine Schweizer Dorf  La Tène gab wie Hallstatt in Österreich einer Periode der keltischen Kultur seinen Namen. La Tène befindet sich im Bereich des Nordost - Endes des Neuenburger Sees, am Auslauf der Zihl. Die Ufer - und Strandzonen sind hier so flach, dass bereits geringe Seespiegelschwankungen starke Verlagerungen der Uferlinien nach sich ziehen. Da in der Eisenzeit die Spiegel der Juraseen niedriger waren als heute, lagen die Uferlinien einige hundert Meter weiter seewärts. Das keltische und römische Dorf von La Tène mit seinen Magazinen erstreckte sich daher an den trockenen, hochwasserfreien Uferzonen der Zihl und nicht am sumpfigen Rand des Neuenburger Sees. Was die eigentliche Latènezeit betrifft, handelt es sich hier um eine einzige ausgedehnte Niederlassung auf beiden Ufern der Zihl nach ihrem Ausfluss aus dem Neuenburger See. Zwei nur 120 Meter entfernte Brücken verbanden zur Latène - und Römerzeit das Uferdorf mit einem Strandweg. Pfahlbaureste und erste Eisenfunde wurden im November 1857 von dem eigens dafür von Oberst F. Schwab angestellten Fischer H. Kopp entdeckt. Eine erste Deutung der Station von La Tène versuchte 1863 F. Keller in seinen Pfahlbauberichten. In der Folge wurde auch der Geologe E. Desor aus Neuchatel tätig. Durch die Absenkung des Wasserspiegels als Folge der 1. Juragewässerkorrektion 1863 bis 1883 wurde der Fundplatz von La Tène trocken. Ab 1880 legte der Lehrer von Marin, E. Vouga, die Reste zweier Brücken und fünf dazwischenliegenden Häusern frei. E. Vouga und F. Borel bargen auch menschliche Skelettreste. Eine systematische Durchforschung der Uferzone und des Flussbettes wurde zwischen 1907 und 1917 unter der Leitung von P. Vouga durchgeführt.

Im Zuge der gut 60 Jahre währenden Fundfischerei und Grabungstätigkeit in La Téne wurden mehr als 2.500 Objekte aus Eisen, Bronze, Gold, Stein, Glas, Ton, Bein und organischen Materialien (Holz, Geflechte und Leder) geborgen. 1885 arbeitete O. Tischler eine erste chronologische Gliederung aus, nach der er die Latènezeit mit Hilfe der typologischen Methode, anhand verschiedener Schwert - und Fibeltypen, in drei Stufen einteilte. Latene I, II und III. In Folge neuer Ausgrabungen wurde die Tischler - Chronologie erheblich ergänzt. Bereits vor dem ersten Weltkrieg entstanden zwei fundamentale relativchronologische Theorien der Latènezeit, die nach gewissen Modifikationen im wesentlichen noch heute gültig sind. Die Tischler - Chronologie in drei Stufen wurde Ausgangspunkt für das schweizerisch-französische Chronologiesystem, in dem die einzelnen Stufen als Latène I - III bezeichnet sind (Wiedmer-Stern, Viollier und Dèchelette 1908 - 1916), für Österreich, Deutschland - und das östliche Mitteleuropa war das P. Reinecke - System (1902 - 1911), der die Latènezeit in vier Stufen ( A - D ) gliederte, von größerer Bedeutung. Er stellte der Tischler - Stufe I eine weitere voran ( Latène A ) und datierte sie ins 5. Jhr. v. Chr. Trotz der Verschiedenheit der Ausgangspunkte ist das erstgenannte System mit jenem von P. Reinecke vergleichbar. LTA und LAB = LT-I, LTC = LT-II, LTD = LT-III. Immer wieder wurde jedoch versucht, von regionalen Untersuchungen ausgehend die Chronologiesysteme weiter zu verfeinern. Unzählige Publikationen trugen dazu bei, die nicht unwesentlichen regionalen Unterschiede aufzuzeigen. Ein Beispiel sei mit der Publikation für den Raum Bayern von W. Krämer (1985) genannt. Im groben wird regional zwischen Fibel - und Ringschmuck, Waffen, Keramik, Totenbrauchtum und Tracht unterschieden.

LT  A 480 - 390 v. Chr.
LT  B1 390 - 300 v. Chr.
LT  B2 300 - 250 v. Chr.
LT  C1 250 - 180 v. Chr.
LT  C2 180 - 110 v. Chr.
LT  D1 110 - 50 v. Chr.
LT  D2 50 - 15 v. Chr.

 ( Nach P. Reinecke und H. Müller-Karpe )

 

 

 

Während des 5. Jhr. v. Chr. durchlebten die Kelten eine Phase sozialer, kultureller und politischer Veränderungen. Diese Periode gilt als Beginn der Latènezeit, die den Archäologen einen Einblick in den Reichtum der keltischen Kultur auf ihren Höhepunkt bietet. Diese Zeit markiert sowohl die Expansion der Kelten über einen Großteil Europas als auch ihre künstlerische Glanzperiode. Die Latène - Periode gilt damit als Höhepunkt der vorrömischen keltischen Kultur. Sie endet mit der Zerstörung der Römer. Ihre Objekte wurden in einem Großteil Europas gefunden. Für viele Kunsthistoriker ist keltische Kunst identisch mit dieser Periode vom 5. Jhr. v. Chr. bis zur Zeitwende. Die Latènekunst wurde je nach künstlerischem Schwerpunkt in vier verschiedene Stile eingeteilt: den frühen Stil, den Waldalgesheim - Stil, den plastischen Stil und den Schwertstil. Man darf allerdings nicht den Fehler machen den Anfang der Latèneperiode als den eigentlich Beginn der keltischen Kultur zu sehen. Die Kunst der Hallstattkultur stand da um nichts nach und war genauso keltisch. Die Hallstattkultur überschnitt sich auch mit der der Latène. Je nach Region noch mindestens bis 450 v. Chr. - also noch weit in die Latènezeit hinein. Ebenso darf man nicht gravierende Unterschiede anhand der Bevölkerung und Gesellschaft zwischen Hallstatt und Latène annehmen. Man unterscheidet anhand der Kunststile von Fibeln, Keramik,  Bronze- und Eisengegenständen. Z.B. die Ton - und Metallarbeiten von Hallstatt sind oft mit einfachen geometrischen Elementen wie Zick - Zackleisten, Querbändern und konzentrischen Kreisen verziert. Personen - oder Tierdarstellungen sind seltener. Durch den engen Kontakt mit dem Mittelmeerraum kamen die Hallstattkünstler mit griechischen sowie etruskischen Mustern und Figuren in Berührung. So entstand eine völlig neue eigenständige, ästhetische Synthese, die im 5. Jhr. v. Chr. in der Zone der Hallstattfürstentümer auftauchte: der "Latène - Stil". Auch gab es einen Wandel der elitären Schicht - bis ca. 450 v. Chr. verschwanden die letzen großen Hallstatt - Fürstensitze. Ob der Grund dafür kriegerische Handlungen waren oder ein fauler Prozess von innen, kann man heute nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht vollzog es sich auch weniger Spektakulär, als wir annehmen. Möglicherweise waren es neue wirtschaftliche Strukturen, die die alten Fürstensitze unattraktiv machten und neue Standorte erforderten.

© Angus Konstam aus "Atlas der Kelten"

Beides, neue Mode - Erscheinungen und politische Veränderungen kennen wir nur zu gut aus unserer Zeit. Archäologen kategorisieren und unterteilen die Zeit linear. Der Mensch von damals kannte aber diese Unterschiede nicht. Zumindest beurteilte er sie aus einen ganz anderen Blickwinkel. Ausgrabungen zeigen uns meist nur Teile der elitären Schicht. Der Alltag des Arbeiters im Salzbergwerk oder am Acker sah natürlich ganz anders aus. Wesentliche Gründe, warum man die Latènezeit als keltischer ansieht wie die Hallstattkultur, sind die Konfrontationen mit Griechen und Römern und die damit verbundenen schriftlichen Überlieferungen über die Kelten, die aus der Hallstattzeit fehlen. Aber vor allem fällt in die Latènezeit die größte Ausdehnung der keltischen Völker. Über fast ganz Europa erstreckte sich die keltische Expansion. Sogar bis nach Kleinasien drangen kelt. Stämme vor und gründeten dort das Reich der Galatae (Galater). Brisante Ereignisse prägten diese Epoche, wie die Verwüstung Roms 387 v. Chr. durch den Keltenfürsten Brennus, die keltische Invasion auf dem Balkan 298 v. Chr., die Plünderung Delphis 279 v Chr. und schließlich die grausame Eroberung Galliens 58 bis 51 v. Chr. durch Julius Cäsar und die Einnahme des Königreiches Noricum, ebenfalls durch die Römer, die die Macht der keltischen Völker noch vor der Zeitwende beendete. Doch obwohl die Römer keltisches Gebiet besetzten und die Kelten selbst keinen politischen Einfluss mehr am Kontinent hatten, behielt die Bevölkerung, speziell im Voralpen - und Alpengebiet ihre keltische Identität. Zwar in einer anderen Form, wie in Irland oder Schottland (dort wo keltisches Gebiet von römischer Expansion verschont blieb), aber das kulturelle Erbe blieb aufrecht und das noch lange nachdem die Römer abgezogen sind und Germanen die Herrscher Europas waren. Das zeigt sich anhand archäologischer Funde, Bräuchen, Sagen sowie Orts - und Flurnamen. Im Teil II der Latènekultur gehen wir auf die geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit intensiver ein. (Quellen: "Atlas der Kelten" - Angus Konstam; "Die Kelten im Osten Österreichs" - Johannes-Wolfgang Neugebauer; "Das Zeitalter der Kelten" - Simon James).