Die Hallstattkultur

Hallstatt ist eine kleine, entlegene Gemeinde in einem Gebirgstal im Salzkammergut in Oberösterreich. Diese abgelegene Gegend war eines der frühesten Zentren des Salzbergbaus, der im 8. Jahrhundert v. Chr. einen bedeutenden Umfang in diesem Raum angenommen hatte. Die österreichischen Alpen des Salzkammerguts bilden eine reiche Quelle von leicht verfügbarem Salz. Die Ortsnamen wie Hallstatt und Hallein sind von "Hall" abgeleitet, einem Wort keltischen Ursprungs, dem auch das deutsche Wort Salz entsprang. Salz brauchte man, um Nahrung für den Winter zu konservieren. Es war ein wertvolles Handelsgut für die dort lebenden Hallstattleute. Die Entdeckung des alten Friedhofes von Hallstatt im Jahre 1824 löste eine ganze Reihe von Ausgrabungen aus: etwa 2000 Gräber und Brandbestattungen vom 9. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. wurden freigelegt. Wie in der Urnenfelderkultur verbrannte man bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. die Toten. Dann scheint eine Rückkehr zur Erdbestattung in einer holzverkleideten Grabkammer stattgefunden zu haben, ähnlich der frühen Hügelgräberkultur. Dies wurde als Hinweis auf einen Wandel in der Auffassung der keltischen Aristokratie gedeutet.

Als im Jahre 1874 der nordische Altertumsforscher H. Hildebrand bei einem internationalen Kongress für Anthropologie, Archäologie und Urgeschichte erstmalig die Begriffe Hallstatt-Kultur und Hallstatt-Periode prägte, war das eine notwendige Ergänzung zum bis dahin verwendeten Dreiperiodensystem. Es wurde nämlich damit zum ersten mal eine Phase beschrieben, für die die Verwendung von zwei Werkstoffen kennzeichnend ist. Gleichzeitig wurde aber eine Zeitperiode herausgegliedert, die bis dahin so gut wie unbekannt war. Es ist dies gerade jener Abschnitt der urgeschichtlichen Kulturentwicklung, der uns zum ersten mal in die Dämmerung der Frühgeschichte führt. Das insofern, als gerade in der Zeit zwischen etwa 800-400 v. Chr. starke Einflüsse von antiken Stadtkulturen in der Zone nordwärts der Alpen wirksam werden und die kulturelle Struktur dieser Gegend weitgehend verändert wird. Diese Namensgebung war notwendig geworden, sie war eine treffende Bezeichnung für jene Art der Kultur, die nicht nur im Gräberfeld Hallstatt, sondern noch an vielen anderen Stellen in Mitteleuropa festgestellt werden konnte: weder der reinen Bronzezeit noch der vollendeten Eisenzeit angehörend. Der Begriff umfasst den Zeitraum von 1000 v. Chr. bis 500 v. Chr. Um diese relativ lange Epoche besser Gliedern zu können, unterteilte sie der deutsche Archäologe Paul Reinecke in den Jahren 1906 bis 1911 in vier Stufen, die er mit A, B, C und D bezeichnete (Bild).

 

© Österr. Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte: Sektion Stockerau aus dem Katalog: Die Hallstattzeit im Raum Stockerau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Hallstattzeit" ist also der neue Begriff, der zwischen die alte Einteilung Bronzezeit - Eisenzeit eingeschaltet wurde. Wichtig ist zu unterscheiden: Hallstattzeit ist der Zeitraum von 1000 bis 500 v. Chr. "Hallstattkultur" hingegen eine Kulturprägung, die in der Hallstattzeit, aber nicht in diese allein hineinfällt. In ihrem älteren Abschnitt umfasst die Hallstattzeit den jüngeren Teil der so genannten "Urnenfelderkultur". Nur ihre Stufen C und D umfassen jene Kultur, die der ganzen Epoche den Namen gegeben haben: die Hallstattkultur. Aber mit dem Ende der Stufe D ist diese Kultur nicht erloschen. Sie lebt zumindest in manchen Teilen ihrer Verbreitung, noch während der ersten Stufe der nachfolgenden Zeitepoche, der La-Téne Zeit, weiter. Fast könnte man eine Analogie zur Unterscheidung Hallstattzeit und Hallstattkultur nennen, dass auch das Gräberfeld von Hallstatt sich zeitlich nicht mit diesem beiden Begriffen deckt. Die Belegungszeit dieses Gräberfeldes umfasst nicht allein den Zeitraum der Hallstattkultur, es reicht etwas darüber hinaus in die voll entwickelte La-Téne Kultur hinein. Die Prähistoriker gliedern die Jahrzehntausende der vorgeschichtlichen Kulturentwicklung gerne nach dem verschieden für Waffen und Werkzeuge verwendeten Material. Es ist das, wie wir wissen, eine sehr willkürliche Einteilung. Denn es ist nicht das Wesentliche einer Zeitepoche, ob etwa noch die Bronze allein und noch nicht das Eisen verwendet wird. Diese von den frühen Tagen der urgeschichtlichen Forschung übernommene Gliederung gibt nicht das wieder, womit sich eine Zeitepoche prägt: Das Wesentliche wahr wohl immer die geistige Kultur. Nicht umsonst ist man aus diesem Grunde in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr darauf übergegangen, an Hand der Wirtschaft, durch den Wohnbau oder die Kunst eine schärfere Einstellung zu diesen so weit zurückliegenden Zeiten zu bekommen.

 

© Angus Konstam aus "Atlas der Kelten"

 

 

 

 

 

 

 

"Am Anfang war das Salz": Die geologischen Verhältnisse z.B. auf dem Dürrnberg bei Hallein bringen es mit sich, dass das salzhaltige Gebirge stellenweise bis an die Oberfläche empor reicht. Im Bereich solcher Salzausbisse treten mitunter solehaltige Quellen zutage, die vermutlich schon von steinzeitlichen Jägern aufgespürt wurden. Für die anschließende Bronze- und Urnenfelderzeit sind keine technischen Fortschritte in Bezug auf die Salzgewinnung festzustellen. Die Quellsole wurde in bescheidenen Ausmaß gewonnen. Doch die Kenntnis von den salzhaltigen Quellen auf dem Dürrnberg und in Hallstatt war zumindest in vorgeschichtlicher Zeit nicht mehr verloren gegangen. Mit Beginn der Eisenzeit wurden dann auch die technischen Voraussetzungen für einen organisierten Bergbau auf Kernsalz geschaffen, der folglich für die beiden Produktionsstätten Hallstatt und Dürrnberg einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung erbrachte. Hallstatt begann mit der planmäßigen Ausbeutung der Salzlagerstätten vermutlich schon um 1200 v. Chr. und kontrollierte vorerst allein den gesamten Absatzmarkt. Der Salzbergbau auf dem Dürrnberg setzte dagegen merklich später ein. Wahrscheinlich entwickelte er sich dafür in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem wirtschaftlich ertragreichen Unternehmen mit weitreichenden Handelsbeziehungen. Die Grundlagen dafür wurden von einer kapitalstarken Interessensgemeinschaft geschaffen, die auf eine bergmännische Erfahrung zurückgreifen konnte. Diese ist letzten Endes wieder in Hallstatt zu suchen. Es bildete sich eine aristokratische Schicht, die den Salzbergbau, sowie eine große Arbeiterschaft kontrollierte. Allerdings handelte es sich bei der einfachen Arbeiterschicht um keine Unfreien. Man musste im Bergwerk zwar schuften, konnte jedoch sich selbst und die ganze Familie ernähren und genoss einen Status, den man ohne weiters mit der heutigen Mittelschicht vergleichen kann. Das "Weiße Gold" lockte Fremde mit ihren Familien von weit her an. Das Salz in den Bergwerken war mehr wert als Gold. Es war lebensnotwendig für viele Menschen zwischen Rhein und Moldau. Den Dürrnbergern verschaffte es nicht nur Reichtum, sondern auch zu allen Neuerungen der Mode, der Kriegstechnik, des Handwerks, der Religion und der Kunst. In den überdurchschnittlich reich ausgestatteten Gräbern dieser Salzleute kann man dies heute noch ablesen. Schließlich musste man die ständig wachsende Arbeiterschicht ernähren und auch die notwendige Infrastruktur erhalten und ausbauen. Abgesehen von Händlern, war das Handwerk des Schmiedes für Waffen - und Handwerksproduktion notwendig. Nicht minder wichtig war die Zunft des Töpfers, sowohl für den Haushalt, als auch für kultische Objekte und Grabbeigaben. Der Wagner spielte eine ebenso große Rolle - Wägen für den Transport, für Schaukämpfe und für die Grabkammern wurden angefertigt. Gräberfunde weisen auch enge Handelsbeziehungen mit dem  mediterraneren Raum nach, den Griechen und Etruskern. So entstanden richtige Machtzentren und es war auch meist eine friedliche Zeit, obwohl die Kriegerkaste weiterhin eine große Rolle spielte. Sie diente natürlich zur Absicherung des "Weißen Goldes", doch ebenso zwecks Tradition. Der Hallstattkrieger wurde mit Lanze, Schwert, Dolch und Schild begraben. Wettkämpfe und Spiele wurden traditionell veranstaltet. Verzierungen auf der berühmten Bronzesitula von Kuffarn (Niederösterreich) zeigen Wagenrennen, Schwertkämpfer auf Pferden und  Männer, die mit einer Art von Hantel in beiden Händen einen Boxkampf austragen. Weiters findet man auf der Situla Darstellungen des alltäglichen Lebens. Die Hallstattgräber zeigen einen Querschnitt der Gesellschaft zu Beginn der Eisenzeit. Sie lassen eine wohl organisierte, sozial untergliederte Gesellschaft erkennen. Die Gräber der Arbeiter und Handwerker enthalten ähnlich viele Informationen wie die der Krieger. Sozialer Wohlstand für breitere Gesellschaftsschichten als Folge wirtschaftlicher Progressivität ist keine Erfindung des Industriezeitalters. Der Besitz von begehrten Salzlagerstätten, ihre kommerzielle Nutzung durch technisch versiertes Personal sowie die Kontrolle von Handelswegen und Absatzgebieten machten den Dürrnberg bei Hallein schon in prähistorischer Zeiten zu einem wirtschaftspolitischen Zentrum ersten Ranges. Einen wesentlichen Anreiz für den Salzbergbau bildete die Aussicht auf Vermehrung von persönlichen Besitz als Ausdruck gesteigerter Lebensqualität.

Etwa ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. verlor Hallstatt zusehends seine Monopolstellung und musste diese schließlich an den Dürrnberg in Hallein abgeben. Man weis zwar nicht genau warum, aber gegen Ende der älteren Eisenzeit wurden Teile des Salzbergbaues in Hallstatt unfreiwillig aufgegeben. Vielleicht waren es kriegerische Handlungen oder die Übersättigung des Fürstensitzes und seiner Bevölkerung - eher wahrscheinlich ist ein Naturphänomen: Zahlreiche Tagwassereinbrüche in den Stollen und großflächige Murenabgänge hatten die Betriebsstätten teilweise vernichtet.  

 

Bild: Das Hexenwandfeld am Dürrnberg ca. 5 km von Hallein. Die Grabhügel sind nach mehr als 2.500 Jahren noch als halbkreisförmige Kuppen deutlich zu erkennen. Mehr Bilder über den:  Dürrnberg und Hallein.(© Erich Wallner)

 

 

 

 

 

Die Künstler der Hallstatkultur verwendeten Muster, die schon in der vorhergehenden Urnenfelderkultur eingesetzt worden waren. Die Gegenstände aus den Hallstattgräbern zeigen stilisierte Tiere und Vögel und verweisen möglicherweise auf deren religiöse Bedeutung in der keltischen Gesellschaft. Diese Symbole der frühen Kelten blieben bis in das beginnende Mittelalter in Gebrauch (nach 500 n. Chr.). Eine der schönsten ist der Bronzestier aus der Höhle von Blansko in Tschechien, ein Teil eines Opfergefäßes. Eine der spektakulärsten Funde der Hallstattzeit wurde in den späten 1970er Jahren in Eberding-Hochdorf in Deutschland bei der Ausgrabung einer Grabkammer gemacht. Sie enthielt eine Bronzeliege, die um 530 v. Chr. zu datieren ist - darauf lag das Skelett eines gut gekleideten Kriegers. Ihre Rückseite war mit Darstellungen von Wagen und Kriegern geschmückt und sie stand auf Laufgestellen mit acht Rädern in der Form weiblicher Figuren. Der Stil dieser Darstellung ist erstaunlich und zeugt von Detailfreude und Perfektion. Nicht minder sensationell ist der Fund eines Bronzewagens aus der Steiermark in Österreich. Der so genannte "Strettweg - Wagen" zeigt berittene Krieger und Wild rings um eine nackte weibliche Figur, die die Basis für eine bronzene Opferschale trägt. Der Fund wird mit dem 7. - 6. Jahrhundert v. Chr. datiert. Man könnte noch unzählige interessante Ausgrabungen nennen, die von einer überwältigenden Kultur Zeugnis geben. Der bereits erwähnte Dürrnberg bei Hallein, das Gräberfeld bei Hallstatt und Großmugl in Österreich, Hochdorf und der Glauberg in Deutschland, Vix in Frankreich sind nur einige Orte, wo wertvolle Ausgrabungen Aufschluss über die Hallstattkultur und die Hallstattzeit geben. Die Hallstattkultur dehnte sich über ganz Mitteleuropa aus, bis nach Frankreich, die iberische Halbinsel, Südengland, sowie Böhmen, Mähren, Norditalien und Slowenien. Die Hallstattkultur beeinflusste die angrenzenden Gebiete und Ihre Einwohner, so dass diese früher oder später die Gesellschaftsform übernahmen, wenn auch nicht mit dem Glanz der Kerngebiete. Die Fürsten der Hallstattzeit gründeten große Reiche, gut 500 Jahre bevor man Rom überhaupt registrierte. Wie man Geschichte verfälschen kann. Denn die Römer waren es, die die Kelten Barbaren nannten. Doch die unzähligen Funde beweisen heute, dass sie es nicht wahren. Im Gegenteil. Die Frühkelten bildeten eine Kultur die noch bis heute spürbar ist. Das Salzbergwerk Dürrnberg schloss seinen Arbeitsbetrieb 1989 und dient noch heute als Schaubergwerk, ebenso wie das in Hallstatt. Fast 3000 Jahre alte Stolleneingänge sind noch heute sichtbar und Hallstatt ist Weltkultur- und Weltnaturerbe der UNESCO. (Quellen: "Zur Hallstattkultur" - Karl Kromer; "Der Dürrnberg bei Hallein" - Kurt W.  Zeller; "Atlas der Kelten" - Angus Konstam).