Germanen - Volk der vielen Stämme

Insofern ist die Frage, ob Pytheas von Massalia auf seine im Jahre 325 v. Chr. auf Germanen gestoßen sein könnte, nur von theoretischen Wert. Denn die Germanen sind damals noch gar nicht fassbar. Wahrscheinlich lebten ihre Vorfahren schon tausend Jahre dort, wo sie der griechische Reisende traf. Doch was hatten sie mit den Menschen der Bronzezeit noch gemein? Geblieben war der Mythos, doch Sprache, Kultur und gesellschaftliche Verhältnisse hatten sich verändert. Die Menschen in Südschweden und an der Elbe verband trotz ähnlicher Sprachen und ähnlicher Lebensweisen kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Für sie war der überschaubare Stamm der wichtigste Bezugspunkt. Aber trotzdem lebten sie - entgegen den Behauptungen des Tacitus - nicht isoliert, denn viele Einflüsse kamen auf den alten Handelswegen aus den Süden und Osten zu ihnen. Es war der wachsende Reiz der keltischen Zivilisation, der die später Germanen genannten Stämme beflügelte, vermehrt dorthin zu ziehen, wo sie sich ein besseres Leben versprachen. Das war der Beginn der germanischen Wanderungen. Kimbern und Teutonen waren die ersten Opfer nordischer Sehnsucht nach einem Dorado des Südens. Ihre Nachahmer - Goten, Franken, Alemannen - sollten schließlich, bedrängt von den Hunnen , das römische Reich zum Einsturz bringen. Die Völkerwanderung ist eine der wichtigsten Epochen der europäischen Geschichte. Wenn man weiß, welch ungeheuren Umwälzungen sich ergeben sollten, seit die Kimbern und Teutonen aufbrachen, um aus den Nebeln des Nordens in südliche Gefilde zu gelangen, was ihr Marsch für Deutsche und Europäer bedeutet, dann ist dieses Ereignis der Startschuss zur Entstehung des modernen Europa - und das liegt über 2000 Jahre zurück. Die Epoche der Völkerwanderung ist im allgemeinen Bewusstsein immer noch ein dunkles Loch, obwohl sie die Anfänge des heutigen Europa markiert. Die Germanen, wie auch zuvor die Kelten wurden von Ihren Zeitgenossen "Barbaren" genannt, ein Sammelbegriff der Antike für fremde, wilde Völker. Es waren aber die Barbaren , die den Weg ins frühe Mittelalter ebneten und damit ein neues Europa schufen. Sie bewirkten jene berühmte Achsdrehung der Weltgeschichte nach Norden, womit die bislang unangefochtene Führungsrolle des antiken Mittelmeerraums mit den Kulturen der Griechen und Römer ein Ende fand. Die Germanen verdienen es zweifellos, vom Klischee der primitiven, kulturlosen Wilden befreit zu werden. Die Historiker sind diesen Schritt schon längst gegangen. Wie schon in der Einführung erwähnt die Öffentlichkeit und der Volksmund noch nicht, bedingt durch sezessionistische Einflüsse von Schulen und Medien. So gelten die Vandalen immer noch als besondere Plünderer, obwohl sie nicht schlimmer waren als andere Völker jener turbulenten Zeit. Als "Vandalen" bezeichnet man im heutigen Sprachgebrauch Leute, die Verwüstung und Zerstörung anrichten. Das hat sich der ruhmreiche Germanenstamm sicher nicht verdient. Problematisch ist auch das Fehlen einer eigenen germanischen Überlieferung, ebenso wie bei den Kelten. Frühe schriftliche Quellen über die Germanen liegen nur aus der Feder antiker Autoren vor. Auch damals wurde schon Propaganda gemacht. Die Archäologie ist hier umso mehr gefragt um das Puzzle halbwegs zu vervollständigen. Das Problem ist, dass sich dadurch mehrere Meinungen im Laufe der Jahrhunderte bis in unsere Zeit gebildet haben. Sehr oft politisch motiviert, mit Klischees angehäuft, so das die Forschung nicht selten auf der Strecke blieb oder gar ignoriert wurde. Eigentlich unverständlich, sind doch Deutsche, Engländer und Franzosen eben so wie alle anderen Mittel, West - und natürlich Nordeuropäer germanischer Abstammung. In einem Auszug aus der berühmten "Germania" des Tacitus (ca. 98 n. Chr.)  wird uns die Sichtweise der damaligen Zeit etwas näher gebracht: " Die Germanen selbst sind Ureinwohner und von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker kaum vermischt. Denn einst kam derjenige nicht über Land, sondern mit Schiffen, der eine neue Heimat suchte. Und der Ozean, der bis ins Unendliche reicht und gewissermaßen auf der anderen Seite liegt, wird nur selten von Schiffen aus dem römischen Reich besucht. Wer hätte zudem trotz der Gefahr des schrecklichen und unbekannten Meeres Asien oder Afrika oder Italien verlassen und Germanien besuchen wollen, ungestaltet an Land, rau im Klima, trostlos für den Anbau wie für den Anblick, es sei denn seine Heimat." Man rätselt noch heute über die Motive, die Tacitus dazu bewegten, die "Germania" zu schreiben. Hatte er die Zustände im übersättigten, imperialistischen Rom satt und wollte er seine Heimat vor dem Verfall retten, in dem er seinen Landsleuten die Germanen als stolzes und ehrenhaftes Naturfolk gegenüberstellte? Wollte er Werte aufzeigen, die Rom schon längst verloren hatte? Tatsache ist, dass die Seiten der Germania eine der wichtigsten Überlieferungen der Antike sind. Die Germanen waren ein Volk der Völker. Gaius Julius Cäsar machte den Namen erst Publik, doch die Germanen waren Kimbern, Teutonen, Ambronen, Friesen, Alemannen, Langobarden, Markomannen, Quaden, Cherusker, Chatten, Chauken, Eburonen, Vandalen, Ingwäonen, usw. Man könnte noch hunderte Stämme aufzählen. Viele Stammesgruppen mussten wohl  mit dem ewigen Los auskommen, dass ihr Name nie in die Geschichtsbücher einging. Auch Tacitus wurde es zu mühsam alle Stämme der damaligen Zeit niederzuschreiben -  er gab zu verstehen, von vielen nicht einmal den Namen zu wissen. Erst später traten größere germanische Bunde und Völkerschaften auf. Die Goten, ein Volk welches sich in West, - und Ostgoten teilte und mit der großen Völkerwanderung in die Geschichte einging, die Sachsen, die aus den Cheruskern hervorgingen, die Franken, die wohl berühmtesten Germanen unter "Karl dem Großen", die Burgunder, Thüringer, Sueben, Gepiden und nicht zu vergessen, die letzten germanischen Heiden - die Wikinger. Zwischen den Zügen der Kimbern aus Jütland bis zu den Wikingern vergingen 1.000 Jahre. ( Quelle: "Die Geschichte der Germanen" - Arnulf Krause )