Die Gesellschaft der Germanen

Die Gesellschaft der Germanen war kein Staatsapparat mit Beamten, Polizei, Schulen und sozialen Einrichtungen, so wie wir ihn heute kennen. In antiker Zeit stellte die germanische Gesellschaft den Kontrast zur Kultur der Römer dar. Die Römer, die auf ein streng zivilisiertes, bürokratisches und einheitliches System bauten, ihre Länder in Provinzen unterteilten und die Macht von Rom und dem Senat ausging. Es lagen Welten zwischen den beiden Kulturen. Das Gesellschaftsbild änderte sich erst allmählich im Frühmittelalter, vor allem dort wo sich die Christianisierung durchsetzte. Doch wissen wir aus der Geschichte, dass die ursprünglichen Gesellschaftsform, speziell im Norden Europas länger anhielt. Noch weit über die Zeit hinweg, als Karl der Große bereits ein Riesenreich in Europa regierte und das römische Imperium schon längst nicht mehr existierte. Die Wikinger hielten nicht nur die alten Götter aufrecht, sondern auch die Sitten und Gebräuche ihrer Vorfahren. Die "Thing" eine Vollversammlung war die Basis für die Festlegung von Stammesgesetzen. Und so gehen wir wieder einige Jahrhunderte zurück. Die Masse der Bevölkerung lebte als freie Bauern auf ihren sich selbst versorgenden Höfen. Diese wehrfähigen, Waffen tragenden Männer hatten das Recht, die "Thing" , die Vollversammlung des Stammes, aufzusuchen und ihre Meinung kundzutun. Dort wurde der junge Germane auch in feierlicher Weise in den Kreis der Krieger aufgenommen, indem er von einem Stammesführer, seinem Vater oder einem anderen Verwandten Schild und Frame, den typischen Speer, erhielt. Es gab eine Oberschicht, die letztendlich die Herrschaft ausübte. Dies geschah auf unterschiedliche Art und Weise. Vor allem in den Randgebieten, zum Beispiel in Skandinavien, herrschten Könige, deren Macht und Ansehen auf ihrer vermeintlich göttlichen Herkunft beruhten. Im Westen, unter keltischem Einfluss, kam das Heerkönigtum auf. Herrschaft gründete sich nicht mehr auf Tradition, sondern darauf, wie erfolgreich der König im Krieg war, wie viele Kämpfer aus verschiedenen Stämmen. er um sich scharte. Die lange Zeit der Auseinandersetzung mit Roms Legionen war die Epoche der Heerkönige, an deren Anfang der Suebe Ariovist stand und in der der Markomanne Marbod ein großes Reich schuf. Neben den verschiedenen Arten germanischer Monarchien, es wird sogar von Herrschaften zweier Könige berichtet, gab es viele Stämme, die überhaupt keine Monarchen kannten. Überall herrschte das Prinzip des Wettbewerbs. Die Gefolgsleute wetteiferten um die Gunst ihres Herrn. Die Gefolgsherren wiederum stritten darum, die größte und erfolgreichste Gefolgschaft zu haben. Diese war ein deutliches Zeichen von Macht und Ansehen. Zu recht spricht deshalb Tacitus davon, dass sie im Frieden eine Zier, im Krieg der Schutz des Gefolgsherrn sei. Und er berichtet von Herren, die weit über die Stammesgrenzen berühmt waren. Sie wurden durch Gesandte umworben und mit reichen Geschenken geehrt. In Friedenszeiten zogen junge Adlige zu anderen Völkerschaften, die gerade Krieg führten, um dort Ruhm und Ansehen zu ernten. Ein großes Gefolge ließ sich nur durch Gewalt und Krieg unterhalten. Die Männer erwarteten von ihren Herrn ein Pferd und die Frame, außerdem galt ihnen die Verpflegung an seinem Hof als selbstverständlich. Die Mittel, eine Gefolgschaft zu unterhalten, waren also recht groß und am ehesten durch Krieg und Beute zu beschaffen. Das Leben in den Dörfern und Stammesgemeinschaften war deshalb nicht immer friedfertig und wurde auch ohne Feind von Kämpfen untereinander geprägt. Den Alltag bestimmte jedoch das Leben auf dem Bauernhof, den die Mehrheit der freien Männer gemeinsam mit ihren Familien bewirtschaftete. In den Hallenhäusern wohnten keine Großfamilien., sondern eher kleine Gemeinschaften. Monogamie war die Regel, höchstens Könige hatten mehrere Frauen. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Weil auch die Lebenserwartung niedrig war, stellten noch lebende Großeltern auf dem Hof die Ausnahme dar. Häufiger traf man unverheiratete Geschwister an, daneben gab es eine Anzahl von Knechten und Mägden. Die Sippe verband Verwandte in einer Rechtsgemeinschaft, die vor allem bei Streitigkeiten und Verhandlungen auf dem "Thing" wichtig wurde. Neben Kriegszügen, feindlichen Überfällen und den ruhmsüchtigen Kriegergefolgschaften trugen das Prinzip der Blutrache und immer wieder aufflackernde Fehden, die oft von ehrgeizigen Jungkriegern angezettelt wurden, dazu bei, das bäuerliche Leben hart und unruhig zu gestalten. Außer der kleinen Oberschicht, die Macht und ihre Kriegergefolgschaften auszeichneten, und der Masse der Freien lebten in der germanischen Gesellschaft auch Unfreie. Obwohl sie die unterste Stufe der Gesellschaft bildeten, bewirtschafteten sie doch ihren eigenen Hof. Verpflichtungen gegenüber ihren Herrn bestanden vor allem in der Abgabe eines Teils der Ernte und des Viehs sowie von Tuchwaren. Entgegen römischen Verhältnissen war der Hörige selten unmittelbarer Gewalt ausgesetzt. Schlug allerdings ein Herr seinen Sklaven tot, ging er straffrei aus. Im Prinzip waren auch die Germanen gewissen Zwängen ausgesetzt. Der Stammeszugehörigkeit, dem biologischen Geschlecht, den Regeln von Sippe und Familie, den Gesetzen des Stammes und religiösen Bestimmungen. Andererseits waren Standesgrenzen nicht hermetisch abgeschlossen. Ein gewisser Aufstieg war durchaus möglich. Die Germanen waren auch Fremden gegenüber aufgeschlossen, häufig nahmen sie auch Fremdlinge in ihren Stamm auf. Das beste Beispiel zeigt die Wanderung der Kimbern und Teutonen, denen sich von Jütland aus ziehend viele Stämme auf der Suche nach neuem Land anschlossen. Eine ferne Insel im Nordatlantik, näher dem arktischen Grönland als Europa, sollte die letzte Blütezeit einer germanisch geprägten Gesellschaft erleben und viele Traditionen weiterpflegen. Island die Insel mit ihren Vulkanen und Gletschern wurde erst um 874 n. Chr. durch den norwegischen Wikinger "Ingolf Arnarson" besiedelt. Eine Gefolgschaft von mehreren zehntausend Männer, Frauen und Kinder folgte, meist aus Norwegen, wo viele Häuptlingsfamilien vor dem rigorosen Reichseiniger "Harald Schönhaar" flohen. Viele kamen aber auch von den Britischen Inseln und Irland. Unter ihnen waren eine Menge unfreier Kelten. Ihr Einfluss war von Anfang an auf Island präsent, sodass die isländische Gesellschaft nicht nur germanische, sondern auch keltische Einflüsse zeigte. Am Beginn wie am Ende germanischer Geschichte steht damit die enge Beziehung zur keltischen Kultur. Auf Island teilte eine Schicht mächtiger Großbauern das Land unter sich auf. Eine besondere Gruppe stellten unter ihnen die Goden dar, denen als heidnische Priester auch der Opferkult oblag. Für die freien Bauern, die überwiegend von der Schafzucht lebten, war es am sichersten, sich einem mächtigen Häuptling anzuschließen und in dessen Gefolgschaft einzutreten. Hier wurde noch der alte Brauch der Volksversammlung gepflegt. Im Juni eines jeden Jahres kamen die freien Männer zum "Allthing" auf der Ebene von "Thingvellir" zusammen. Auf dieser Versammlung, dem gesellschaftlichen Höhepunkt des Landes, hatten die mächtigen Häuptlinge das Sagen, ohne die Unterstützung eines Goden blieb ein kleiner Bauer schutz- und einflusslos. Das alte Island war eine Stammes- und Häuptlingsgesellschaft ohne staatliche Institution. Mit einer Ausnahme: Auf jeweils drei Jahre bestimmte die "Thingversammlung" den Gesetzessprecher, dessen wichtigste Aufgabe es war, die mündlich bestehenden Gesetzte aufzusagen. Er war darüber hinaus eine Art Ehrenpräsident des Landes, der durch den Vorsitz auf dem "Allthing" eine gewisse Macht hatte. Dies erwies sich deutlich im Jahre 1000 n. Chr., als es zwischen den Heiden und Christen, die es auf der Insel schon seit der frühesten Besiedlung gab, zum Streit über den Glauben kam. Auf Initiative des Gesetzessprecher einigte man sich auf eine Abstimmung. Die Mehrheit entschied sich für die Annahme des christlichen Glaubens, der heidnischen Minderheit wurden einige Rechte zugestanden. Somit dürfte Island das einzige Land sein, in dem ein Glaubenswechsel nach demokratischen Gepflogenheiten vorgenommen wurde. Island bewahrte viele germanische Traditionen. Neben dem Thing auch die mündliche Überlieferung alter Geschichten und Gedichte, die Benutzung von Runen für kürzere Inschriften und die bereits beschriebene Gesellschaftsordnung. Vieles davon wurde im hohen Mittelalter von Gelehrten aufgezeichnet und blieb auf diese Weise erhalten. Das so ferne und unwirtliche Island war eine Nation der Erzähler und Dichter. Ihnen sind unschätzbare Nachrichten über die letzte heidnisch- germanische Kultur zu verdanken. ( Quelle: "Die Geschichte der Germanen" - Arnulf Krause )