Der Beginn der Geschichte

Irgendwo muss jede Geschichte beginnen. Die der Germanen beginnt mit einer Schiffsreise. Zu einer Zeit, als der griechisch - makedonische Erobererkönig Alexander der Große an der Spitze seiner Heere den Indus erreichte und in die Gebirgswelt Afghanistans vordrang, machte sich am anderen Ende der Welt ein Mann zu einer ganz anderen abenteuerlichen Reise auf. Sein Name war Pytheas, ebenfalls der griechischen Kultur abstammend. Zum Unterschied von Alexander war er ein einfacher unbekannter Gelehrter, aber genauso wissensdurstig. Er lebte in Massalia, der Vorgängerin des modernen Marseille, und entschloss sich um das Jahr 325 v. Chr., per Schiff eine Fahrt in den Norden bis an das Ende der Welt zu machen. Seine Heimatstadt, eine griechische Kolonie, lag am Rande einer fremden barbarischen Welt. Nur wenige Kilometer entfernt im Landesinneren begann das Gebiet jener in griechischen Augen unzivilisierten Stämme, die man als Keltoi (Kelten) bezeichnete. Was mag wohl in ihm vorgegangen sein? Man wusste viel über diese Völker und Stämme zu erzählen. Zum Beispiel, dass sie den getöteten Feinden die Köpfe abschnitten und damit ganze Schädelgalerien in Tempeln und ihrem eigenen Heim schmückten. Doch war auch bekannt, dass man aus dem wilden Norden Zinn bezog, den wichtigen Bestandteil für die Herstellung von Bronze, und wo jener geheimnisvolle Bernstein herkam, an dem die Menschen des Südens schon immer gefallen gefunden hatten. Einzelheiten gibt es über den Reiseablauf nicht, außer das die Route durch die Straße von Gibraltar führte, damals die Säulen des Herakles genannt, hinaus auf den offenen Ozean, dann an der spanischen und französischen Küste entlang nordwärts. Für Pytheas war dies alles die "Keltike", das Land der barbarischen Keltoi. Aufmerksam stellte er astronomische und geografische Messungen und Beobachtungen an und versuchte, die fremden Gebiete mit Mitteln der griechischen Wissenschaft zu erschließen. Er traf auf eine Welt reich an Inseln, die er in ihrer Gesamtheit als "Bretanike", Britannien, bezeichnete. Die größte Insel war Albion (die britische Hauptinsel). Sechs Tagesreisen nördlich davon lag "Tyle", das sagenhafte Thule, das man später mit Island gleichsetzte. Aller Wahrscheinlichkeit erreichte Pytheas aber eher den Norden von Norwegen, als die Küste von Island, die zum damaligen Zeitpunkt ja nicht bewohnt war. Dort angekommen, wurde er anscheinend freundlich von den Barbaren empfangen, denn er wusste von den Naturwundern des Mittsommers und Mittwinters zu berichten, welche im die Einwohner näher brachten: " Die Sonne, sie sei gleichsam immer bei ihnen. Es stellte sich auch tatsächlich heraus, dass in dieser Gegend die Nacht ganz kurz wird, an einigen Stellen zwei, an anderen drei Stunden dauert, sodass die Sonne nach ihrem Untergang nach ganz kurzer Unterbrechung gleich wieder aufgeht. Dort laufen im Sommer die Tage und umgekehrt im Winter die Nächte durch, und es muss Gebiete geben, in denen nur einmal im Jahre Tag und einmal Nacht ist." Von "Tyle" weiß Pytheas noch mehr zu berichten: "Nachdem man viele öde und unbewohnte Inseln auf der Fahrt dorthin berührt hat, erweist sich diese nördlichste Insel als fruchtbares land. Seine Menschen ernähren sich von Pflanzen, Viehmilch und Feldfrüchten". Für erwähnenswert hält der eher sittenstrenge Grieche auch, dass die Frauen für alle gemeinsam seien und es keine Feste Ehe gebe. Das Leben in den Kalten Regionen scheint in wenig begehrlich , ist doch der Anbau von Kulturpflanzen und das Halten von Haustieren zum Teil ganz unüblich. Wo dennoch Getreide angebaut wird und Honig gewonnen werden kann, erzeugt man aus diesen Bestandteilen den später so berühmten gegorenen Honigwein, den "Met". Pytheas erwähnt Inseln, wo das begehrte Zinn gewonnen wird. Er berichtet: "Das dort lebende Seefahrerfolk der >Ostideer< benutzt keine Schiffe aus Holz, sonder Boote, die aus Ruten geflochten sind  und mit Fellen und Leder bezogen werden. Mit ihnen fahren sie zur heiligen Bernsteininsel Abalus, wo das Meer kostbaren Bernstein ans Ufer wirft". Dies und mehr wusste er in der Heimatstadt angelangt zu berichten. Er verfasste eine Schrift über seine große Fahrt, die in der Antike von den meisten als pure Fantasterei angesehen wurde. Dennoch zitierten Gelehrte aus seinem Werk, das nur in ihren Arbeiten erhalten geblieben ist. Heute ist nicht alles, was der Grieche behauptet, nachvollziehbar, und nicht jede Ortsangabe konnte tatsächlich lokalisiert werden. Fest steht jedoch, dass Pytheas auf seiner abenteuerlichen Fahrt nach Nordeuropa gelangte. Hätte man ihn gefragt, was für Barbarenstämme dort hausten, welchem Volk sie zuzurechnen sind, er hätte auf die Keltoi verwiesen., die reich an Stämmen und Völkerschaft, fast bis zur heimischen Mittelmeerküste anzutreffen waren. Überhaupt war das griechische Weltbild von den Leuten aus den Norden recht einfach. Im Westen hatte man es mit den Kelten zu tun., im Osten dagegen mit den Skythen. Völker die weder zu den einen noch zu den anderen gehörten, zählte man zu den Keltoskythen, die also zwischen den beiden großen Gruppen angesiedelt wurden. An diese Einteilung hielt man sich so lange, bis mehr als zweihundert Jahre nach Pytheas ein Gelehrter von einem weiteren großen Volk sprach, das zwischen Kelten und Skythen saß: von den "Germanen". ( Quelle: "Die Geschichte der Germanen" - Arnulf Krause ).