Deutschland vor 2000 Jahren – Teil III:

Mühlhausen (Thüringen) und Hildesheim

 

 

Der geografische Mittelpunkt des wiedervereinigten Deutschlands liegt in der Nähe der altehrwürdigen Stadt Mühlhausen in Thüringen – genauer gesagt, im Ried bei Oberdorla. Eine nach der Wende gepflanzte Kaiserlinde markiert diese geografische Besonderheit. Daneben wurde ein Schild aufgestellt, dessen Text dem kleinen Ort zusätzlich Bedeutung bestätigt. Hier erfährt der Wanderer nämlich, dass diese Gegend eine große Vergangenheit hat, die weit in germanische und vorgermanische Zeiten zurückreicht. Am Rande des nahen Sees, der sich nach dem Torfabbau wieder mit Wasser gefüllt hat, fanden Archäologen Spuren unserer Vorfahren – Spuren, die uns erstmals ein genaueres Bild von der Religiosität der damaligen Menschen vermitteln. In der Zeit vom sechsten vor - bis zum sechsten nachchristlichen Jahrhundert war hier ein heiliger Platz, wo man die Götter verehrte – 90 solcher Kultstätten aus über 1000 Jahren wurden bei Oberdorla entdeckt. Darunter zwölf »Heiligtümer« des germanischen Stammes der Hermunduren, die um Christi Geburt in dieses Gebiet eingewandert waren und den heiligen Platz von ihren Vorgängern übernahmen. In diesen Anlagen, die wegen ihrer Kreisform »Rundheiligtümer« genannt werden, brachten die Hermunduren um das Jahr 2 n. Chr. den höheren Mächten Opfer dar. »Der zentrale Kultplatz von Oberdorla in Thüringen ist von herausragender Bedeutung«, sagt die Landesarchäologin des Freistaats, Dr. Sigrid Dusek. Denn er ist »das einzige germanische Heiligtum – weit entfernt von den bekannten Zentren germanischer Heiligtümer in Nordwestdeutschland und Skandinavien –, das vollständig ausgegraben wurde«. Eines der Rundheiligtümer ist in unserer Illustration rekonstruiert – sie führt uns mitten in eine Opferhandlung. Eingehüllt in einen weißen wollenen Umhang, steht ein Hermunduren-Priester in dem kleinen Heiligtum, das von einem Flechtwerkzaun umschlossen ist. Innerhalb des abgegrenzten Bezirks überragt die Einfriedung ein langer Stab aus Eichenholz, auf den der Schädel eines Rindes aufgespießt ist. Im Zentrum des Allerheiligsten steht ein Holzidol in Menschenform – »Stellvertreter« der Fruchtbarkeitsgöttin, der die Opferzeremonie gilt. Davor: ein rechteckiger Altar, etwa einen Meter hoch; er besteht wie der Zaun aus Weidengeflecht und ist mit Grassoden abgedeckt. Nur der Priester hat Zugang zu diesem heiligen Ort – mit seinem Kultstab weiht er den Pferdekopf auf dem Altar. Der Göttin wird ein Pferd geopfert, »damit das Leben draußen in den Dörfern und Fluren pulsieren kann«, schrieb Günter Behm-Blancke vom Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar, der zu Lebzeiten einer der angesehensten Archäologen der DDR war. »Denn wehe, wenn zur rechten, festgesetzten Zeit nicht geopfert wird und die Göttin zürnt! Dann hält der Mond, ihr Gestirn, den Regen zurück, die Quellen aus dem Reich der Unterwelt versiegen, die Felder trocknen aus, die Saat verdorrt, die dürren Weiden können das Vieh nicht ernähren. Schreckliche Hungersnot bricht aus, Seuchen verwüsten das Land, das Strafgericht der Götter lastet schwer auf Mensch und Tier, die sie in Scharen in ihr Totenreich holt. Die Göttin muss also gnädig gestimmt werden. Es muss gesühnt, es muss gedankt werden.« Bevor ein Priester im Rundheiligtum seines Amtes waltete, wurde das Opfertier erst einer rituellen Handlung unterzogen: Man tränkte es und wusch es mit Wasser aus dem See. Dann traten die Fackeln tragenden Opferdiener in Aktion: Sie führten das Pferd um den Altar und dann dreimal um das ganze Rundheiligtum. Danach berührte der Priester das Tier mit einem frischen Zweig, bevor der Schlachter es mit einer Schlinge strangulierte – begleitet von den Gebeten der Stammesgemeinde. Das Pferd wurde mit dem Kopf nach Westen auf den Boden gelegt, und der Schlachter verkündete den Tod des Tieres. Nach einem strengen Ritual zerlegen nun die Opferdiener den Kadaver – zuerst grob mit dem Beil, dann mit einem zweischneidigen Messer, wobei der Schlachter nur eine Seite benutzen durfte; die andere war geweiht und allein dem Priester vorbehalten. Nur bestimmte Teile des Tieres galten als »opferfähig«; dazu gehörten Herz, Zunge, das Bruststück, sorgfältig herausgelöste ganze Knochen und der Kopf als Träger der Lebenskraft. Der Pferdekopf war dazu bestimmt, auf dem Altar den Göttern geweiht zu werden; die makellosen Knochen wurden in Gefäßen vor der hölzernen Götterfigur und der langen Holzstange mit dem Rinderkopf niedergelegt. Zurück zu unserem Bild: Die Stammesmitglieder sind zur Opferzeremonie versammelt. In gebührendem Abstand vom Heiligtum haben sie sich auf dem Kultplatz am Ufer des Sees im Halbkreis aufgestellt. Ein Opferdiener hält eine Fackel; vor einigen Stammesmitgliedern stehen Schalen, Körbe und Tröge. Ehrfürchtig blicken alle auf den Priester, der am Altar steht und das abgerundete Ende eines von der Rinde befreiten Haselnussstocks über den Kopf des Opfertieres hält. Dieser Stab ist das Zeichen der Würde und Macht des Priesters – nur er darf ihn verwenden, um damit die Verbindung zwischen dem Opfertier und den höheren Mächten herzustellen. Der Höhepunkt der Opferhandlung steht jetzt unmittelbar bevor: das »heilige Mahl«. Diese Zeremonie fand üblicherweise außerhalb des Heiligtums auf dem umliegenden Kultplatz statt: Ein Teil des Fleisches wurde auf Feuerstellen gebraten; aus dem anderen Teil kochte man in einem Behälter Opferbrühe. Mit dem gemeinsamen kultischen Verzehren des Tieres verbanden die Germanen tiefe religiöse Überzeugungen. Sie glaubten, dass dadurch die besonderen Kräfte des geweihten Opfertieres auch auf sie übergingen – und damit die göttliche Kraft. Gleichzeitig wurde aber auch die Gottheit durch dieses gemeinsame Essen gestärkt. Denn in der Vorstellung der Germanen – so, wie wir sie aus den antiken Überlieferungen kennen – brauchten ihre Götter ständig neue Nahrung, um ihre Kraft zu bewahren und zu steigern. Was die Wissenschaftler heute über die Tieropferzeremonien und das heilige Mahl der Germanen in Thüringen um Christi Geburt aussagen, ist keine Spekulation, sondern das Ergebnis der Auswertung historischer Quellen und der Ausgrabungen. Landesarchäologin Dr. Sigrid Dusek: »Wohl wusste man durch die Darstellung des Tacitus in der ›Germania‹, Kap. 9., etwas über die Kultpraxis der Germanen. Tacitus schreibt: ›Sie (die Germanen) weihen ihnen ( den Göttern) vielmehr Lichtungen und Haine und stimmen sie durch die Opferung der dafür freigegebenen Tiere gnädig.‹« Aber die schriftliche Überlieferung zu verifizieren war über lange Zeit schwierig – zu gering war die Zahl der Funde, die eine genaue Darstellung der germanischen Kulthandlungen zuließen. »Für diesen wichtigen Aspekt des religiösen Lebens finden Archäologen kaum Hinweise«, beklagte auch die Archäologin Dr. Erdmute Schultze vom Deutschen Archäologischen Institut, »es sei denn, sie entdecken Heiligtümer oder Opferstätten. Dann ergänzen Funde von Opfergaben die geringe Überlieferung in römischen Schriftquellen, nach denen bei den germanischen Stämmen heilige Haine, Bäume Quellen und Seen verehrt wurden und Opferplätze darstellten.« Die Ausgrabungen in der Nähe von Mühlhausen waren ein solcher »Glücksfall«. Bereits 1951 hatten Arbeiter beim Torfabbau im Moor bei Oberdorla vereinzelte Tierschädel und urgeschichtliche Scherben gefunden. Als dann 1957 immer größere Mengen von Tierknochen und Hölzern mit Schnitt- und Feuerspuren sowie eine Holzschale auftauchten, informierten die Torfstecher schließlich die Archäologen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar. Zu jener Zeit war Günter Behm-Blancke dort Direktor. Über dessen Arbeit schrieb der Dokumentarfilmer Utz Kastenholz: »Zunächst war der Professor skeptisch, ob sich die Fahrt von Weimar nach Oberdorla lohnen würde.« Denn Behm-Blancke habe damals nicht ahnen können, »dass unter dem Torf in vier Meter Tiefe ein Geheimnis auf ihn wartete, das zu lüften sein Lebenswerk werden sollte: Er fand hier die Reste von neunzig Heiligtümern, Kultplätze aus über tausend Jahren«. Eine Sensation. Von 1957 bis 1967 erforschten daraufhin technische Hilfskräfte aus Weimar unter der Leitung von Behm-Blancke den Kultplatz in Oberdorla. Leider gelang es dem Experten bis zu seinem Tod 1994 nicht mehr, die systematische Aufarbeitung seiner Funde zu veröffentlichen – nach der Wiedervereinigung waren seine technischen Mitarbeiter entlassen worden, sein Lebenswerk geriet in Gefahr. Das um-fangreiche Manuskript, das er hinterlassen hat, wird erst jetzt in einer zweibändigen Monografie in der Verantwortung der Archäologin Dr. Sigrid Dusek für den Druck verwendet. Die wesentlichen Ergebnisse daraus stellte sie P.M. exklusiv vorab zur Verfügung – sie sind die Basis für unsere Illustration.

P.M. Magazin, Autor(in): Manon Baukhage - Dezember 2002

 

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