Deutschland vor 2000 Jahren – Teil II

 

Als die Archäologen vor neun Jahren unweit der Stadt Gießen im hessischen Lahntal auf römische Scherben stießen, ahnten sie noch nicht, auf welchen Schatz sie hier stoßen würden. Unter der Erdoberfläche verbarg sich eine knapp acht Hektar große bauliche Anlage: Wer hatte sie errichtet, wie alt war sie? Seitdem haben die Wissenschaftler sich akribisch durch den Boden gearbeitet – und jetzt steht fest: Hier handelt es sich um einen der sensationellsten archäologischen Funde der letzten Jahre in Deutschland – aus den 2000 Jahre alten Relikten lässt sich rekonstruieren, wie unsere Vorfahren in dieser Gegend lebten. Zusammen mit den beteiligten Forschern hat P.M. die neuen Erkenntnisse in eine detailgetreue Illustration umgesetzt: Sie führt uns in das Jahr 2 n. Chr. zurück – mitten in den Alltag jener Menschen, die damals am Rande von Waldgirmes, einem Ortsteil von Lahnau, ansässig waren. »Waldgirmes machte zunächst den Eindruck eines weiteren befestigten Militärlagers der Römer rechts des Rheins«, berichtet Professor Dr. Siegmar von Schnurbein, Direktor der Römisch-Germanischen Kommission (RGK) in Frankfurt, die zusammen mit dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege die Ausgrabungen vorgenommen hat. »Doch in der Architektur wich es deutlich von einem Militärlager ab. Die Innenbauten hatten eindeutig zivilen Charakter. Die Gebäude entsprechen dem, was man in einer Stadt erwarten würde.« Eine Stadt der Römer mitten im feindlichen Germanien – das ist ungefähr so, als würde heute McDonald’s eine Restaurant-Kette im Irak betreiben. Doch die Funde sprechen eine klare Sprache. So ist die rasterartige Anlage der Stadtstraßen eindeutig auf römischeVorbilder zurückzuführen. Ein weiterer Beleg ist das 43 mal 45 Meter große, auf steinernen Fundamenten stehende Gebäude in der linken Hälfte unserer Illustration: Es gleicht Bauten, die damals auf dem Forum im Herzen jeder römischen Stadt standen; dazu gehörten ein Marktgebäude sowie ein Rathaus, wo Versammmlungen stattfanden, Gericht gehalten und Verwaltungsgeschäfte abgewickelt wurden.

 

 

Dass die dicht bebaute Ansiedlung mit ihrem römischen Forum keinen militärischen Zweck hatte, lässt sich auch durch die Ausgrabung zahlreicher antiker »Shopping-Center« belegen: »Entlang den Straßen standen Holzbauten, die von Laubengängen gesäumt waren, hinter denen sich teilweise zur Straße hin offene Räume befanden, wo Händler ihre Waren feilboten«, beschreibt von Schnurbein diese Entdeckungen. »Sie entsprechen ganz dem, was man aus der zivilen römischen Stadtarchitektur kennt.« Wie ging es um Christi Geburt in jener Stadt zu? Unsere Illustration zeigt, dass sich auf dem Forum die Germanen wie selbstverständlich zwischen den Römern bewegen: Lebten die »Erzfeinde« hier im Jahre 2 in friedlicher Koexistenz miteinander? Einige der Römer auf dem Platz sind nicht Soldaten – sie tragen »Zivil«: Trieben sie Handel mit den Germanen? Für Siegmar von Schnurbein, den »Chefarchäologen« von Waldgirmes, steht fest: »Das war eine richtige römische Stadt mit Holz- und Steinhäusern und einigen Hundert Menschen. Hier lebten vor rund 2000 Jahren nicht nur römische Soldaten.« Was den Fachmann so sicher macht: Im Sommer 2002 entdeckte man neben neuen Hinweisen auf die Anwesenheit von römischen Beamten und Händlern auch Relikte von Einheimischen: Bruchstücke feiner römischer Tonlampen, wahrscheinlich aus dem Mittelmeerraum, fanden sich hier stets vermischt mit Scherben derber Töpferwaren der Germanen. Die Funde weisen außerdem darauf hin, dass es in der Bevölkerung ein Wohlstandsgefälle gegeben haben muss – zu erkennen an der unterschiedlichen Qualität der Eichenholzpfosten, die die Gebäude stützten: »Da haben wohlhabendere Menschen auf der einen Seite und etwas weniger betuchte auf der anderen Seite gelebt«, sagte der Grabungsleiter Dr. Armin Becker. Denkbar, dass die soliden Häuser gut situierten römischen Bürgern gehörten, die sich hier angesiedelt hatten.

P.M. Magazin, Autor(in): Manon Baukhage - November 2002

 

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