Deutschland vor 2000 Jahren – Teil I

 

Köln im Jahre 2: Tiefrotes Blut ist auf die Tunika gespritzt – verlegen versucht der Mann, die Flecken aus dem langen, kragenlosen Wollstoffhemd zu reiben. Einen Moment lang stand er zu nahe bei dem Opferdiener, als dieser dem Stier die Halsschlagader aufschnitt. Zuvor hatte der Diener das Tier durch einen Schlag auf die Stirn mit der stumpfen Seite der Axt betäubt – wild zuckend fiel der Stier auf den Platz, den monumentale Steinbauten zieren. Dort sind an diesem Spätsommertag im August Hunderte von Zuschauern versammelt, viele tragen römische Festkleidung: Über die Tunika haben sie die etwa fünf Meter lange Toga kunstvoll um den Körper drapiert – wie es bei den Römern üblich ist. Und so könnte man mit Fug und Recht annehmen, dass sich diese Szene im Alten Rom abspielt. Tatsächlich aber sind wir im Köln des Jahres 2 n. Chr. Damals lag diese Stadt, deren Einwohnerzahl sich heute nicht mehr beziffern lässt, unmittelbar an der Grenze zu jenem Teil Germaniens, der soeben von römischen Legionen erobert worden war. Die Opferszene ist Bestandteil eines Staatsaktes zu Ehren der Göttin Roma und des Augustus, des ersten römischen Alleinherrschers. Als monumentaler Ausdruck seiner Macht über die Germanen, gegen die Augustus seit 12 v. Chr. Krieg geführt hat, überragt ein Triumphbogen alle anderen Gebäude auf dem Platz. Vier Säulen schmücken den Bau, und verziert ist er mit prächtigen Reliefs. Ganz oben glänzt die vergoldete Bronzestatue des Augustus, der sich stolz über die feurigen Himmelsrösser seines Vierergespanns erhebt. Das gen Himmel gereckte Adlerszepter ist ein Symbol seiner militärischen Siege über die Germanen. Auf den ersten Blick scheinen zu Füßen des Triumphbogens nur Römer versammelt zu sein. Tatsächlich aber handelt es sich um ein äußerst gemischtes Publikum: Hier sind die Gesandten der links- und rechtsrheinischen germanischen Stämme (einige der Männer tragen Kapuzenmäntel oder einheimische Tracht) mit verschiedenen Vertretern der römischen Führung in Köln zusammengekommen. Gemeinsam bekunden sie öffentlich ihre Loyalität gegenüber Rom und dem Kaiser Augustus – eine sich jährlich wiederholende Zeremonie. Höhepunkt dieses Provinzialfestes ist der Opferzug zum Altarbau (im Bild links). Er befindet sich in einem heiligen Bezirk, der auf allen vier Seiten von einem überdachten Säulengang eingerahmt ist. Hinter dem Säulengang erhebt sich auf einem erhöhten Podium der Tempel. Der Opferzug bewegt sich durch den Triumphbogen über den Platz – angeführt von Opferdienern mit freiem Oberkörper, die einen mit Purpur besetzten Lendenschurz tragen. Auf ihren Schultern liegen die Opferbeile. Die Diener führen die mit reich bestickten Wollbinden um den Bauch und zusätzlichen Schnüren festlich geschmückten Opferstiere über den Platz zum Altar. Im Inneren dieses Baus wird der Priester die Eingeweide und das Blut der Opferstiere dem Altarfeuer übergeben. Zuvor hat ein Eingeweideschauer, ein Haruspex, die Innereien der Tiere geprüft. Denn nur wenn diese rein sind, dürfen sie geopfert werden. Anschließend verzehrt die Gemeinde das restliche Fleisch, Teile davon werden auch verkauft. Kann man eine Szene aus jener Zeit heute überhaupt noch realistisch rekonstruieren?

 

 

 

Kann eine Illustration, wie P.M. sie hier zeigt, historische Wahrheit beanspruchen?

 

Da versammeln sich bei einem Kultfest kurz nach Christi Geburt am Rhein ganz friedlich die Vertreter germanischer Stämme mit den Römern; da findet ein gemeinsamer Staatsakt ausgerechnet an der Grenze zwischen der römischen Provinz Gallien und dem gerade eroberten rechtsrheinischen Teil Germaniens statt! Das entspricht ganz und gar nicht dem verbreiteten Germanenbild. »Rauschebärtig, in Felle gehüllt und Flügelhelme tragend, brechen die Germanen aus den Urwäldern hervor und massakrieren die Römer. So wird es auf vielen Darstellungen gezeigt«, kritisiert Germanenforscher Arnulf Krause dieses Klischee, das unsterblich zu sein scheint. Doch neuere Forschungen zeigen: Das im 19. Jahrhundert entstandene romantische Bild von den Germanen als barbarisches, wild kämpfendes, aber ehrliches Volk ist in dieser Verallgemeinerung schlichtweg falsch. P.M. zeichnet in seiner neuen Serie ein anderes Bild von Deutschland vor 2000 Jahren. Ent-worfen wurde es zusammen mit Archäologen und Historikern – und es beruht auf der Auswertung der neuesten archäologischen Funde in Deutschland, die in der Ausstellung »Menschen, Zeiten, Räume – Archäologie in Deutschland« ab dem 6. Dezember im Berliner Gropius-Bau gezeigt werden. Die erste Überraschung: Das Volk der Germanen hat es so nie gegeben! Die Urahnen der Deutschen bildeten keine homogene Gemeinschaft. »Nie existierte ein Volk, das sich diesen Namen gegeben hatte«, weiß Forscher Krause, der auch die Quellen des überlieferten Germanenbilds kennt. Erfunden hat den Volksnamen »Germanen« der griechische Gelehrte Pytheas. Und populär gemacht hat ihn Gaius Julius Caesar, Staatsmann der heranwachsenden Weltmacht Rom und Eroberer von Gallien. Um Christi Geburt gab es »zwar viele germanische Stämme, die sich im Laufe eines Jahrtausends trennten und zusammenschlossen, die gegeneinander Krieg führten oder neue, größere Stämme bildeten«, erläutert Krause. Aber ihre Zahl kennen die Forscher heute immer noch nicht genau; es waren wohl mehr als 15, meint der Kölner Althistoriker Werner Eck, und: »Ein geschlossenes Volk der Germanen existierte niemals.« Jüngste spektakuläre archäologische Funde in Deutschland zeigen auch, dass sich keineswegs alle germanischen Stämme gegen die römische Macht wehrten. Vielmehr belegen sie, dass die jahrhundertewährende Konfrontation zwischen Germanen und Römern in Deutschland nicht nur von Krieg und Gewalt bestimmt war, sondern auch von Annäherungen vielfältiger Art. Als Politik des »Appeasement« (engl.: Aussöhnung) würde man dieses Verhalten der Germanen heute bezeichnen. Sobald sie nämlich in engeren Kontakt mit den Römern kamen, fanden viele von ihnen die überlegene römische Hochkultur durchaus faszinierend. Besonders deutlich zeigt sich das bei den germanischen Ubiern, die kurz vor Christi Geburt von Agrippa, dem Beauftragten des Augustus in Gallien, aus dem rechtsrheinischen Gebiet um den Dünsberg und die untere Lahn auf die linksrheinische Seite umgesiedelt wurden – dorthin, wo später Köln entstand. Begieriger noch als andere germanische Stämme übernahmen sie Teile der römischen Kultur wie Waffen, Luxuswaren oder Kleidung. Es gab bilaterale Beziehungen, eine Art »Multikulti«. Und es gab auch bereits »Gastarbeiter«: Kleinere germanische Gruppen wurden von den Römern durchaus als »Söldner« akzeptiert, vor allem, wenn sie beritten waren – und sie wurden gut bezahlt. Insgesamt zeigen die neuesten Forschungen, dass in Deutschland bereits vor 2000 Jahren eine überraschend stark ausgeprägte Romanisierung zu verzeichnen war. Der höchste Grad dieser Entwicklung wurde am frühesten in Köln erreicht – hier war sie auch besonders deutlich. Die Bauwerke in unserer Illustration sind Spuren der Römer in Köln um Christi Geburt. Dass es gelang, die Gebäude derart detailgenau zu rekonstruieren, ist erstaunlich. Denn fast alles, was in jener Zeit in Köln errichtet wurde, »ist unwiederbringlich durch spätere Eingriffe verloren«, sagt Althistoriker Werner Eck. Buchstäblich nichts von dem, was P.M. hier zeigt, ist in dieser Form heute erhalten. Und doch handelt es sich bei dieser Illustration keineswegs um verwegene Fantasien eines Künstlers. Ganz im Gegenteil: Jedes Detail ist belegt. So etwa, wie hier gezeigt, hat das römische Kultzentrum für Roma und Augustus im Köln des Jahres 2 n. Chr. tatsächlich ausgesehen. Möglich wurde diese Rekonstruktion, weil ein ganzes Team – Archäologen, Historiker und ein Bauforscher – »kleinste Überreste« neu analysiert und bewertet hat. Aus den Ergebnissen konnte man, so die Wissenschaftler, »auf ein vorausgehendes größeres Ganzes rückschließen«. Und diese neuartige Gesamtschau führte zu einer zweiten überraschenden Erkenntnis über die Anfänge von Köln: Die älteste Stadt Deutschlands, sollte von Anfang an ein Abbild Roms am Rhein werden! Bislang glaubte man, dass die Anfänge dieser Stadt als urbanes Zentrum auf die Zeit nach Augustus zurückgehen – genauer: auf die Zeit ab 50 n. Chr. Im Jahr 50, so erläutert Eck, »wurde durch Kaiser Claudius auf Drängen seiner Frau Agrippina dort eine Kolonie römischer Veteranen eingerichtet. Sie lautete auf den Namen CCAA – Colonia Claudia Ara Agrippinensium«. So weit der bisherige Wissensstand. Aber tatsächlich gab es damals längst eine Stadt und vor allem ein urbanes Zentrum mit großen Steinbauten! Die neuen Forschungsergebnisse weisen nämlich darauf hin: Nicht erst Agrippina war die treibende Kraft zur Gründung der Stadt Köln, wie immer wieder behauptet wurde. Vielmehr war es Augustus, der von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr. das Römische Reich regierte. Die Entstehung der »Stadt Köln« hängt unmittelbar mit der politischen Entscheidung des Alleinherrschers zusammen, einen Angriffskrieg gegen die Germanen rechts des Rheins zu führen, der 12 v. Chr. begann. »Krieg und Kult – das sind die Fundamente, auf denen Köln errichtet wurde«, sagt Eck. Kurz vor Christi Geburt bauten die Römer den hochwasserfreien Siedlungsplatz am Rhein zum Kultzentrum für die neue Provinz aus. Der Platz hatte ihnen wohl schon längere Zeit als logistische Zentrale des gewonnenen rechtsrheinischen Germaniens gedient – »gewonnen« zumindest bis zur Varus-Schlacht 9 n. Chr. Warum eignete sich ausgerechnet Köln so gut als Kultplatz? Eck: »Weil es leicht erreichbar war, weil eine militärische Infrastruktur bereits vorhanden war – und weil hier die Ubier ansässig waren, loyale Bundesgenossen der Römer.« Die Ubier waren ein germanischer Stamm, der sich bereits früh unter römischen Schutz gestellt hatte. Wie viele Menschen zu diesem Stamm gehörten, wissen die Forscher nicht genau – »schätzungsweise 10000 oder mehr«, meint Eck. Und nun wollte Augustus etwas tun, um diese Germanen zu integrieren und damit ihre Loyalität zu stärken. Aber nicht wie üblich mit militärischen Methoden, sondern mit der Wiederauflage eines politischen »Tricks« – Augustus übertrug auf die germanischen Stämme ein Modell, das bereits seit 12 v. Chr. in dem von Caesar unterworfenen gallischen Gebiet erprobt worden war: »Es wurden so genannte Provinziallandtage geschaffen, deren Aufgabe es war, die Verbindung der lokalen Bevölkerung, vor allem der Führungsschicht, mit Rom öffentlich zu demonstrieren«, erläutert Eck. Wie in Lugdunum, dem heutigen Lyon, wo der Landtag der gallischen Stämme dem römischen Herrscher jeweils am 1. August seine Loyalität bekundete, ließ Augustus kurz nach 7 v. Chr. auch in der Ubiersiedlung in Köln einen großen Kultbezirk für die Verehrung des Kaisers errichten – mit Heiligtum, Altar und Prozessionsstraße. Dass es dieses Kultzent-rum tatsächlich gab, wissen wir von dem römischen Historiker Tacitus. In seinen Annalen berichtet er von Segimundus, der hier 9 n. Chr. als Priester an den Kulthandlungen teilnahm. Untermauert werden diese neuen historischen Erkenntnisse durch Relikte aus der frührömischen Zeit Kölns, die von dem Archäologen Henner von Hesberg in den letzten Jahren ausgewertet wurden. Er analysierte unter anderem verschiedene Architekturfragmente, die auf Grund ihrer stilistischen Ausarbeitung in die Zeit von Augustus zu datieren sind. Ganz besonders interessierte sich von Hesberg für Säulenfragmente. Auf den ersten Blick sind ihre Abmessungen nichts Ungewöhnliches; sie entsprechen denen von öffentlichen Bauten wie Tempel oder Säulengänge (Portiken). Doch ein Fragment dieser Säulen, eine etwa 50 Zentimeter hohe Steintrommel mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern, erweckte Hesbergs höchste Aufmerksamkeit: Das Fragment ist ringsum mit Vertiefungen (Kanneluren) versehen. Noch wichtiger: Es ist so gearbeitet, dass es nur zu einem mächtigen Triumphbogen gehört haben kann . Dieses einzelne Steinfragment verglich der Forscher mit zahlreichen ähnlichen Exemplaren – eine Herkulesarbeit, die es ihm ermöglichte, auf das genaue Aussehen des ganzen Bauwerks rückzuschließen. Und mehr noch: Wenn man sämtliche Fragmente, die der Archäologe von Hesberg in die Zeit des Augustus datieren konnte, untereinander vergleicht, so fällt auf: Sie sind derart unterschiedlich gearbeitet, dass sie keinesfalls alle vom selben Bauwerk stammen können. So bezeugen sie, dass schon um Christi Geburt in Köln eine ganze Reihe von monumentalen Steinbauten errichtet wurde. Es muss demnach zu jener Zeit in Köln bereits gut ausgebildete römische Handwerker gegeben haben, denn die Ubier hatten solche Kenntnisse sicher nicht. So runden sich die Einzelerkenntnisse über die Anfänge Kölns zu einem Bild: Es gab hier bereits vor 2000 Jahren einen urbanen Kern und ein Kultzentrum mit Tempel, Altar und Säulengängen – ein Abbild Roms am Rhein sollte Köln um Christi Geburt herum sein: »Und diese Rolle«, so Werner Eck, »hat die Stadt dann für mehr als 400 Jahre mit Nachdruck erfüllt.«

P.M. Magazin, Autor(in): Manon Baukhage – Oktober 2002

 

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Teil II

Teil III